Aufschrei, Belästigung und Sexismus

Mein Senf zur aktuellen „Sexismus-Debatte“

Mein Anlass, jetzt doch noch etwas zur „Sexismus-Debatte“ zu schreiben, ist der Artikel von Birgit Kelle und vor allem, dass er solche Zustimmung in meinem Umfeld erhalten hat.

Sorry, aber das sehe ich ganz anders. Der Artikel enthält bis auf wenige Kleinigkeiten zwar richtige Aussagen, geht aber meiner Meinung nach komplett an den wirklich wichtigen Aspekten des Themas vorbei. So wie leider wahrscheinlich 95% der Beiträge zur Debatte, die mit dem „Aufschrei-Hashtag“ auf Twitter angefangen hat.

Sexismus ist nicht das gleiche wie sexuelle Belästigung, sexuelle Belästigung gibt es in vielen Ausprägungen

Zum einen wurde sofort Sexismus mit sexueller Belästigung in einen Topf geworfen, zum anderen krass unterschiedliche Situationen wie „auf die Brüste gucken“ und „Vergewaltigung“ nebeneinander gestellt. Vor allem letzteres hat für sehr viel Unmut aus verschiedenen Richtungen gesorgt.

Dabei finde ich es eigentlich gar nicht so schwierig abzugrenzen. Wenn ich mich sexy anziehe, rechne ich damit, angeschaut zu werden, ja ziele manchmal sogar bewusst darauf ab. Auch angesprochen werden, sollte mich da nicht wundern oder stören. Das ist Flirten und keine sexuelle Belästigung. Geschieht dies auf eine plumpe oder gar fiese Art, ist das Idiotie oder schlechtem Benehmen geschuldet und nicht Mann-Sein. Zu behaupten, es läge am Mann-Sein, wäre übrigens hochgradig sexistisch. Denn Sexismus meint die Zuweisung geschlechterspezifischer Klischees und die (meist für Frauen) daraus resultierende Benachteiligung.

Mehr als gucken und ansprechen ist aber überhaupt nicht in Ordnung, denn es überschreitet eine persönliche Grenze, die jeder Mensch, unabhängig vom momentanen Erscheinungsbild hat und bei anderen beachten muss. Zu nahe Kommen, Anfassen, Bedrängen – das ist definitiv sexuelle Belästigung.

Gefährliche Argumente

Was mich dazu bringt, was mich am o.g. Artikel am meisten stört: Die Überschrift „Dann mach doch die Bluse zu“ zielt sehr gefährlich auf diese „Mitschuld-Sache“. Die Autorin meint es vielleicht nicht so, aber die Neigung der Leute, Artikel nur zu überfliegen, ist ja nicht unbekannt. Konsequent zu Ende gedacht, landen solche Äußerungen nämlich am Schluss bei „Du bist selbst Schuld, dass du vergewaltigt wurdest. Hättest dich ja anders anziehen können.“ Ich denke hier z.B. an den Film „Angeklagt“.

Ebenso geht der Artikel – und auch die ganzen „Wehrt euch halt“-Rufe – von einer erwachsenen, gebildeten, freien und psychisch sowie physisch gesunden Frau aus. Aber ist dies der Normalfall? In unserer Internet-Welt vermutlich. In Deutschland? Auf der Welt? Abgesehen von der meist gegebenen körperlichen Unterlegenheit einer Frau gegenüber einem Mann, die das Wehren schwierig bis unmöglich machen kann, gibt es aber auch noch andere Faktoren, die die Situation „Sie hat sich sexy angezogen – sie will angebaggert werden“ fraglich erscheinen lassen und es nötig machen, sie differenzierter zu analysieren.

Absicht zu unterstellen ist Unsinn

Nicht jede Frau, die so wirkt, als sei sie auf Reizung des anderen Geschlechts aus, ist dies auch wirklich. Teenager, die gerade ihre Weiblichkeit entdecken, neigen zur Übertreibung, das kann man draußen sehr gut beobachten. Ob sie 14 oder 18 sind, kann man dabei nicht immer gut erkennen. Sollte man sie für die Signale, die sie aussenden, voll verantwortlich machen oder sie gar als Handlungsaufforderung sehen? Über sexuelle Belästigung und Vergewaltigung geistig Behinderter gibt es erschreckende Zahlen. Manche psychischen Störungen verursachen sexuell provozierendes Verhalten, wobei es eigentlich um die verzweifelte Suche nach Zuneigung und Anerkennung geht. Das sind meiner Meinung nach Aspekte, die man aus der Komfortzone des Normalseins heraus nicht einfach wegwischen darf.

Aber auch ich (erwachsen, gebildet,frei und gesund) muss in gewissen Situationen Angst haben aufgrund eines Klimas von unterschwelliger Bedrohung sexueller Gewalt. Frau merkt es wohl oft kaum, aber ein paar alltägliche Verhaltensweisen, die schon völlig verinnerlicht sind, dienen der Vergewaltigungsvermeidung. Nicht hinten im Parkhaus parken, nicht im Dunkeln joggen, nicht den Vornamen aufs Klingelschild schreiben, wenn Frau alleine wohnt. Das teure Taxi nehmen, statt zu Fuß nach Hause zu gehen, aber sieht der Fahrer vertrauenserweckend aus…? Ist schon irgendwie traurig.

Sexismus ist die Grundlage der Misere

Das Thema Sexismus umfasst einen anderen Sachverhalt. Hierbei geht es darum, dass Personen aufgrund ihres Geschlechts spezifisch behandelt, beurteilt und/oder benachteiligt werden.

Vor ein paar Tagen habe ich noch gelesen, dass Frauen erst seit 1977 alleine entscheiden dürfen, ob und wo sie arbeiten. Da dies mein Geburtsjahr ist, ist das für mich eine ziemlich überschaubare Zeitspanne. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte den Mate mit zum Vorstellungsgespräch genommen und danach gespannt auf seine Erlaubnis gewartet: Völlig absurd! Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1996 strafbar. Davor war die Ehefrau ein Spielzeug, das der Mann nach Belieben benutzen konnte? Diese Situationen sind gelöst, andere bestehen noch.

Auf der einen Seite gibt es die nüchternen Fakten, wie z.B. dass Frauen im gleichem Beruf durchschnittlich deutlich weniger verdienen. Oder dass es gering entlohnte „Frauenberufe“ gibt. Auch der immense Anteil der Frauen bei der Altersarmut, da sie durch die Kinderbetreuung und gering bezahlte Jobs nicht genug in die Rentenkasse einzahlen konnten, zeugt nicht gerade von Geschlechtergerechtigkeit.

Jeder muss an seinen Denkmustern arbeiten

Daneben sind es vor allem die Vorstellungen, die wir alle in unseren Köpfen tragen, die vom immer noch existierenden Sexismus sprechen – auch ich selbst habe diese Gedanken übrigens immer wieder:

Der Mann ist der Chef, die Frau die Sekretärin. Frauen können nicht einparken, müssen aber lecker kochen. Frauen sind hässlich, Männer haben „Charaktergesichter“. Regen Frauen sich auf, sind hysterisch oder zickig, nicht bloß wütend. Männer müssen stark sein. Männer müssen alles reparieren können. Sie dürfen sich nichts sagen lassen. Sie müssen die Familie ernähren. Außerdem sind sie unordentlich, faul und essen zu viel Fleisch.

Das ist vielleicht alles nicht wirklich schlimm, deformiert aber anders angelegte Persönlichkeiten seit Jahrtausenden. Geniale Mathematikerinnen und begnadete Ballett-Tänzer werden im Keim erstickt. Nur die wirklich starken und „besessenen“ setzen sich hier durch. Aber die reichen mir genauso wenig als Beweis, dass alles in Ordnung ist, wie ein „Vorzeige-Arbeiter-Migranten-Kind“ mit Doktortitel in der Debatte zur Chancengleichheit.

Diese Vorurteile stürzen (sensible) Menschen in Selbstzweifel und bauen Erwartungen auf, die nicht erfüllt werden können. So entsteht Konflikt um Konflikt um Konflikt.

Das ist meiner Meinung nach das, worüber diskutiert werden sollte. Wir könnten diese gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und lähmenden Denkstrukturen ein für alle Mal entlarven und endlich wirklich freie Entfaltungsmöglichkeiten für alle Menschen schaffen.

Stattdessen bekommen wir rosa Ü-Eier. Ganz toll.

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3 thoughts on “Aufschrei, Belästigung und Sexismus”

  1. Hi Kerstin,

    als ich Deinen Kommentar bei Facebook las war ich überrascht, dass wir hier ausnahmsweise mal diametral anderer Meinung sein sollten. Jetzt bin ich beruhigt, sind wir nicht. 😉

    Ich denke, das Problem ist, dass hier jeder etwas anderes in die Diskussion hineininterpretiert. Ich persönlich habe die Sache lange ignoriert weil ich nicht glaube, dass Tweets mit 140 Zeichen abzüglich Hashtag das richtige Medium sind.

    Dann sah ich aber zufällig bei Stern TV ein Interview mit den Initiatorinnen bzw. Promotorinnen des „Aufschrei“ – und sowohl mir als auch meiner Frau hat es die Schuhe ausgezogen. Die Spitze des ganzen: der Moderator fragt, ob es sexistisch sei, wenn ein Mann eine Frau anflirtet, die aufgebretzelt vor ihm in der Disko steht und ihm klare Signale aussendet. Das wurde bejaht. Begründung: wegen der Machtverhältnisse.

    Und das ist krank und dem eigentlichen, von Dir treffend beschriebenen Problem und der notwendigen Diskussion abträglich!

    Zurück zum vom mir verlinkten Artikel: die Überschrift finde ich auch zu reißerisch gewählt, auch wenn sie sich dann ja im Artikel auf Megan Fox bezieht, die ihren Körper ja bewusst einsetzt, um daraus Kapital zu schlagen.

    Über das Thema Gleichberechtigung dreht sich das Thema meines Erachtens in der öffentlichen Diskussion gar nicht, oder? Auch wenn das das Wesentliche ist, um das es gehen sollte. Da bin sowas von bei Dir… Ich hatte die Diskussion um Sexismus jedenfalls eher auf der emotionalen Ebene verstanden als auf der objektiven.

    Was mein Punkt ist: man muss akzeptieren, dass es dumme und ja, leider auch verbrecherische Menschen gibt. Das ist aber grundsätzlich keine Frage des Geschlechts – diesen Aspekt der Gleichberechtigung nehme ich als Mann mal in Anspruch. Auch ich fühle mich nachts an U- und S-Bahnhöfen wie „Neuss am Kaiser“ nicht wohl, sondern nehme den nächsten Zug nach Neuss, um umzusteigen. Auch ich als Mann fühle mich in Parkhäusern nicht wohl. Natürlich ist diese Situation für Frauen ungleich größer – aber daraus etwas für das Verhalten von gesunden, sozialen Männern Frauen gegenüber abzuleiten halte ich für albern.

    Und ein letzter Punkt zur Gleichberechtigung: wenn wir auf Basis des Geschlechts Frauen eine besonders geschützte Rolle einräumen – ist das nicht kontraproduktiv? Wie viele Männer, die Wert auf Familie legen und auf Ihre Work-Life-Balance achten gibt es in Top-Positionen? Und wie sieht ihr Durchschnittsgehalt im Vergleich zu Workaholics aus?

  2. Eine Ergänzung zum letzten Punkt: die meisten selbstbewussten, erfolgreichen Frauen, die ich kenne, lehnen Sonderrechte wie Quoten rundweg ab. Sei es aus Überzeugung, sei es, weil es Konkurrenz schafft – sie packen es ja auch ohne…

    Da sieht man, dass es sich am Ende nicht um Mann oder Frau und damit „Sexismus“ dreht – sondern um stark oder schwach und damit „Darwinismus“.

    Die Diskussion sollte sich also darum drehen, wie wir mehr starke, selbstbewusste Frauen in unserer Gesellschaft hervorbringen. Nicht darum, was Männer dürfen und was nicht.

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