Berlinale Tag 9
Samstag, 21. Februar







Im Halbschlaf Richtung Ziellinie
Hallelujah, ich bin ausgeschlafen! Und das ist auch absolute Vorraussetzungen für die letzten beiden Tage. Schlanke neun Filme stehen noch auf dem Programm, bis in der Nacht zum Montag der letzte Abspann für uns läuft.
Den Anfang machte Where to? Ein deutsch-israelischer Film über einen palästinensischen Taxifahrer mit Nachtschichten in Berlin. Der war sehenswert, rührend menschlich und teilweise unheimlich witzig („Ich sag jetzt einfach Jihad!“).
Nach einem Teller Nudeln in Wettessen-Geschwindigkeit ging es in eine ganz neue Location: Die Deutsche Kinemathek. Leider hatten wir keine Gelegenheit, uns da umzuschauen, weil wir recht spät dort angekommen sind und nach dem Film direkt herausgescheucht wurden. Und der Film… puh. Lange, ruhige Einstellungen, keine Erklärungen, viel Natur… Augen aufhalten war eine Herausforderung und ich habe sie nicht gemeistert.
Ein großer Kaffee und ein Vitamin-C-Smoothie müssen es dann richten: Es kommen noch zwei wichtige und vermutlich richtig gute Filme in der Uber Eats Music Hall und wir haben Freunde dabei, neben denen ich ungern einschlafen möchte.
Es klappt! Sowohl den großartig nostalgischen The only living Pickpocket in New York, als auch den großartig verstörenden Josephine kann ich wach und aufmerksam verfolgen. Und statt einer langen, langen S-Bahn-Fahrt vom Osten in den Westen, werden wir sogar noch „nach Hause“ gefahren. Das ist gut, denn es wird trotzdem 1:00 und morgen klingelt der Wecker für den Endspurt um 7:30 Uhr.

(34) Where to?
Nacht für Nacht fährt der 55-jährige palästinensische Uber-Fahrer Hassan durch Berlins Party-Viertel. Zu seiner ältesten Tochter, die ihren deutschen Freund heiraten will, hat er keinen Kontakt mehr. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Galiläa, sind aber im Zuge der Gründung des Staates Israel geflohen. Eines Abends im Mai 2022 steigt der 25-jährige Amir mit seinem Freund ein, ein Israeli, offen schwul verliebt und ziemlich zugedröhnt, was für Hassen aus verschiedenerlei Hinsicht herausfordernd ist.
Assaf Machnes‘ Debütfilm ist eins der kleinen Berlinale-Juwelen, über die ich mich immer sehr freue. Er lässt zwei Menschen, die einander in ihrer Heimat nie begegnen würden, in Berlin aufeinandertreffen und sich kennenlernen, ohne Klischees zu bedienen oder sie in Bezug zur realen, schrecklichen Geschichte symbolisch aufzuladen. Stattdessen entstehen echte, widersprüchliche und berührende Figuren. Die Dialoge sind lakonisch, fast zärtlich oder auch einfach nur grandios. Die Szene, in der ein urlaubendes israelisches Ehepaar einsteigt, während Hassan über die Freisprechanlage mit seinem Cousin auf arabisch telefoniert, ist eine der witzigsten des gesamten Festivals.
| Regie | Assaf Machnes |
| Besetzung | Ehab Salami, Ido Tako, Milan Peschel, Rama Nasrallah, Raheeq Haj Yahia-Suleiman |
| Produktionsland | Israel, Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(35) Shanghai Daughter
Ming ist eine Frau um die Vierzig aus Shanghai, die alleine nach Xishuangbanna reist. Dorthin, in den tropischen Südwesten Chinas wurden während der Kulturrevolution Jugendliche zum Arbeiten aufs Land geschickt, darunter auch ihr Vater, der inzwischen verstorben ist. Auf den Kautschukplantagen, die heute kaum noch existieren, sucht sie nach einer Frau, die vielleicht Einzelheiten zu seiner Geschichte kennen könnte. Unterwegs begegnen ihr ein Dorfältester, ein Landarzt, eine Kautschukzapferin und ein junger Ökologe.
Zhongmin Shens Ansatz, Fiktion und Dokumentarfilm ineinanderfließen zu lassen und die Landschaft selbst in den Vordergrund zu stellen, ist zwar eigentlich interessant, aber das meditative Erzähltempo verlangt extrem viel Geduld, die auch eher selten belohnt wird. Mings Suche bleibt unklar und die Begegnungen unterwegs hinterlassen kaum Spuren. Einzig amüsiert hat mich die Szene, als sie zum regionstypischen Essen eingeladen wird und tapfer den Wein mit dem Stachelschweinmagen zur Spezialität mit rohem Ochsenblut trinkt.
| Regie | Agnis Shen Zhongmin |
| Besetzung | Liang Cuishan |
| Produktionsland | Volksrepublik China |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️ |

(36) The only Living Pickpocket in New York
Harry ist seit Jahrzehnten Taschendieb in New York. Bodenständiger analoger Diebstahl, keine Tricks mit Smartphones, kein digitaler Betrug. Sein guter Freund Ben, Pfandleiher in der Bronx, nimmt ihm ab, was er so Tag für Tag erbeutet. Seine schwer erkrankte Frau Rosie pflegt Harry liebevoll zu Hause. Sein Problem: Kaum jemand trägt noch Bargeld oder eine teure Uhr. Als Harry einem reichen Jungspund eine gut gefüllte Brieftasche, eine Smart-Watch und einen USB-Stick stiehlt, hat er den Falschen erwischt. Die berüchtigte Familie des Bestohlenen setzt alles in Bewegung, um den Stick zurück zu bekommen. Harry beginnt eine Reise durch alle Stadtbezirke, um diesen zurück zu beschaffen.
Noah Segans Film ist durch und durch eine New Yorker Elegie, eine Liebeserklärung an eine Stadt, die nach und nach ihre eigenen Leute verdrängt und ihren Charakter wohl schon längst verloren hat. John Turturro trägt diesen Film mit einer stillen Präzision, die alles andere überflüssig macht. Harry braucht keine großen Worte und Steve Buscemi stellt als sein Pfandleiher-Komplize den rührendsten Sidekick der Berlinale. Zusammen wecken die beiden eine fast schmerzhafte Nostalgie, nicht für Kriminelle, aber für eine Stadt, die solche Menschen beherbergen kann. Bittersüß und herzerwärmend.
| Regie | Noah Segan |
| Besetzung | John Turturro, Steve Buscemi, Giancarlo Esposito, Will Price, Tatiana Maslany |
| Produktionsland | USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(37) Josephine
Die achtjährige Josephine läuft eines Morgens im Golden Gate Park von San Francisco spielerisch ihrem Vater Damien davon. Statt des fröhlichen Versteckspiels wird sie jedoch Zeugin, wie in unmittelbarer Nähe ein Mann eine Joggerin vergewaltigt. Dies ist sehr deutlich zu sehen und schwer zu ertragen. Aber auch was folgt, ist nicht einfach: eine Geschichte über kindliche Überforderung in einer Welt, die einem plötzlich feindlich erscheint, über das Schweigen und die Unsicherheit von Erwachsenen, über uneinige Eltern (die Mutter will Therapie, der Vater Selbstverteidigungskurse), und über eine gnadenlos unempathische Justiz, deren standardisiertes Vorgehen weder das Alter der Zeugin, noch die Schwere des Tatbestands berücksichtigt.
Dieser Film schockiert und macht wütend, traurig und ohnmächtig. Und das ist wohl auch seine Absicht. Die Regisseurin Beth de Araújo verweigert jede abmildernde Symbolik und jeden Trost, den man sich wünschen würde, ohne dabei je in Sensationsgier zu kippen, was ein schmaler Grat ist. Mason Reeves in der Titelrolle ist unfassbar charismatisch und ich frage mich, ob sie den Dreh eigentlich unbeschadet überstanden hat. Die psychologische Tiefe, mit der de Araújo zeigt, wie sich das Trauma einer Achtjährigen durch ihren gesamten Alltag zieht, ist erschütternd. Channing Tatum und Gemma Chan tragen das dabei großartig mit. Einer der stärksten Filme der Berlinale.
| Regie | Beth de Araújo |
| Besetzung | Channing Tatum, Gemma Chan, Mason Reeves, Philip Ettinger, Syra McCarthy |
| Produktionsland | USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |


Schreibe einen Kommentar