Berlinale Tag 10
Sonntag, 22. Februar


Zum Glück ist leider schon endlich alles vorbei
Es lässt sich nicht mehr leugnen, wir haben es übertrieben. Zu den 36 Filmen, die im letzten Jahr schon mein Rekord waren, sind noch mal sechs dazugekommen. Und auch wenn ich traurig bin, dass es vorbei ist, würde ich am liebsten im Bett liegen bleiben.
Aber Sunny Dancer klingt extrem vielversprechend und wir sitzen pünktlich und ausreichend koffeiniert im Zoo Palast. Der Film enttäuscht nicht. Er ist witzig, bissig, großartig gespielt und herzergreifend. Bella Ramsey hat es drauf.
Everybody digs Bill Evans ist überraschend cool gemacht, die kreativen Bilder erzeugen zusammen mit der Jazz-Musik einen fast hypnotischen Sog und naja… ich habe so einiges nicht mitbekommen 😴
Dann kam der „Angstfilm“ Vier minus drei. Die Taschentücher griffbereit und auf alles gefasst, saßen wir in der Urania, um die Verfilmung dieser extrem tragischen, wahren Geschichte anzuschauen. Definitiv einer der besten Filme dieses Jahr und definitiv nichts für sensibles Publikum.
À voix basse gab uns die Gelegenheit, dem Berlinale Palast „Auf Wiedersehen“ zu sagen und ein letztes Mal den Glamour zu sehen, wenn auch ohne Stars. Der tunesische Film hat nicht enttäuscht und bildete einen schönen Schlusspunkt im Herzstück des Festivals.
Eine U-Bahn-Fahrt später kam dann der gefürchtete und zugleich erschöpft herbeigesehnte Moment: Zum 42. und letzten Mal für dieses Jahr wurde unser Ticket gescannt, wir nahmen Platz, der Vorhang ging auf und der von mir sehr geliebte Trailer erschien. Mir war sehr feierlich zu Mute, was mich leider nicht davon abgehalten hat, ziemlich viele Minuten von Iván & Hadoum zu verschlafen.
Danke, Nr. 76 ❤️
Auch wenn einige Medien das anders sehen, ich fand die diesjährige Berlinale großartig. Nur eine kleine Hand voll Filme hätte ich mir lieber gespart, eine viel größere Anzahl hat mich hingegen sehr beeindruckt. Und jetzt brauche ich ein bisschen Zeit zum verarbeiten, sortieren und schlafen. Fürs nächste Jahr haben wir uns (nicht zum ersten Mal) vorgenommen, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Mal sehen, wie weit dieser Vorsatz reicht 😉

(38) Sunny Dancer
Die 17-jährige Ivy hat ihre Krebserkrankung überstanden und will vor allem eines: nicht darüber reden, nicht mitleidig angeschaut werden und eigentlich überhaupt keine Interaktion mit anderen Menschen. Daher stimmt sie nur äußerst widerwillig zu, als ihre besorgten (und extrem coolen!) Eltern, sie in einem Sommerferien-Camp für (nicht mehr an) Krebs erkrankte Jugendliche zu anzumelden. Die extrem aufgesetzte Fröhlichkeit von Camp-Direktor Patrick (Neil Patrick Harris) überzeugt Ivy ebenso wenig wie ihre Hütten-Genossin Ella, die nur vom heißen Betreuer schwärmt. Dass Ivys Erkrankung hier aber mal keine Besonderheit ist, macht sie nach und nach entspannter.
Bella Ramsey trägt diesen Film mit einer immensen Präsenz und völlig uneitlem Körpereinsatz, wie man es vor allem bei jungen Menschen selten im Kino sieht. Das schwere Thema wird durch Feingefühl und schwarzen Humor ganz ohne Pathos in all seiner Tragik und Absurdität vermittelt, so dass man auch mal Lachen kann, auch wenn alles zum heulen ist. Hier und da gibt es ein paar kleine Unstimmigkeiten, aber das habe ich gerne übersehen.
| Regie | George Jaques |
| Besetzung | Bella Ramsey, Daniel Quinn-Toye, Ruby Stokes, Earl Cave, Jasmine Elcock |
| Produktionsland | Vereinigtes Königreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(39) Everybody digs Bill Evans
New York, Juni 1961. Der Jazzpianist Bill Evans hat an einem Abend im „Village Vanguard“ zusammen mit seinem Bassisten Scott LaFaro und Schlagzeuger Paul Motian zwei der bedeutendsten Live-Jazzalben aller Zeiten eingespielt. Zehn Tage später ist LaFaro bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Evans, der mit ihm nicht nur seinen Musikkollegen, sondern seinen künstlerischen Seelenverwandten verloren hat, bricht völlig zusammen. Er hört auf zu spielen, zieht sich zurück und versinkt in Drogensucht und Trauer. Der Film folgt ihm ergänzt durch Rück- und Vorausblenden und durch diese düsteren Monate.
Dass Grant Gee den Silbernen Bären für die beste Regie erhalten hat, finde ich verdient, denn der Film ist formal großartig. Bis auf wenige Ausnahmen schwarzweiß, körnig wie alte Jazz-Fotos, mit faszinierenden Detailbildern und extrem atmosphärisch. Auch schauspielerisch wirklich toll. Was mich am Ende aber doch etwas ratlos zurückgelassen hat, ist die extreme Fragmentiertheit der Erzählung. Die Figuren und ihr Verhältnis zueinander sowie die Abfolge der Ereignisse und deren Auslöser waren mir zu mosaikartig, um wirklich durchzublicken. Ein sehr künstlerischer Film, der mir auf Dauer ein wenig zu anstrengend war.
| Regie | Grant Gee |
| Besetzung | Anders Danielsen Lie, Bill Pullman, Laurie Metcalf, Barry Ward, Valene Kane |
| Produktionsland | Irland, Vereinigtes Königreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(40) Vier minus Drei
Barbara und Heli sind professionelle Clowns, wohnen mit ihren beiden Kindern Fini und Thimo in einem alten Bauernhaus und führen ein Leben, das so quirlig und bunt ist wie ihre Kostüme. Als Barbara eines Tages auf dem Heimweg einen Anruf bekommt, ist nichts mehr wie es war. Ein Unfall. Ein gelber Clowns-Bus. Bitte komm direkt zu uns. Was folgt, erzählt Regisseur Adrian Goiginger nicht chronologisch, sondern in Gegenwartsmomenten vermischt mit Rückblenden, die sich ineinanderfügen wie ein zerbrochenes und langsam wieder zusammengesetztes Bild.
Harter Tobak, zumal das eine wahre Geschichte ist. Die Umsetzung scheint mir perfekt gelungen. Es wird kein perfektes Idyll gezeichnet, sondern einfach das Leben, wie es ist. Bis es dann gar nicht mehr so ist. Die kleinen Risse, der Streit und die Zweifel werden genauso gezeigt wie das liebevolle Familienglück. Und Valerie Pachner spielt das mit einer Ausdruckskraft, die einem den Atem verschlägt: traurig, komisch, störrisch, zärtlich, wütend. Dass der Film ganz nah an der Realität ist, macht ihn noch schwerer auszuhalten. Und wahrscheinlich noch wertvoller.
| Regie | Adrian Goiginger |
| Besetzung | Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Margarethe Tiesel |
| Produktionsland | Österreich, Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(41) In a Whisper / À voix basse
Lilia ist 32, lebt in Paris, hat einen guten Job und eine Frau, die sie liebt. Vor allem von letzterem weiß ihre Familie in Tunesien nichts. Als ihr Onkel stirbt, kehrt sie zur Beerdigung zurück und trifft auf ein Haus voller Frauen, voller Erwartungen und voller Schweigen. Während die Trauergäste Erinnerungen austauschen und die Beerdigung vorbereiten, beginnt Lilia, dem Rätsel um den Tod ihres Onkels nachzugehen. Dabei stößt sie auf Geheimnisse, die die Familie lieber im Dunkeln lassen würde.
Regisseurin Leyla Bouzid verbindet hier ein Familiendrama mit leichten Krimielementen und einem genauen, aber nicht anklagenden Blick auf patriarchale Strukturen und das Leben in einem Land, in dem Homosexualität strafbar ist. Die Figuren sind differenziert, die Atmosphäre immersiv und die Figuren wirken ehrlich. Hiam Abbass und Eya Bouteraa spielen das Mutter-Tochter-Verhältnis mit einer subtilen, glaubwürdigen Spannung. Manchmal wirkt der Film vielleicht eine Spur zu langsam, aber insgesamt ist es eine schlüssig und spannend erzählt Geschichte, die einen berührt.
| Regie | Leyla Bouzid |
| Besetzung | Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari |
| Produktionsland | Frankreich, Tunesien |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(42) Iván & Hadoum
In den riesigen Gewächshäusern in Süd-Spanien, wo ein Meer aus weißer Plastikfolie die gesamte Landschaft bedeckt, arbeiten Iván und Hadoum Seite an Seite. Iván ist ein Transmann, der durch kurz vor einem Aufstieg zur Schichtleitung steht. Da seine Mutter, seine Schwester und deren Kinder finanziell auf ihn angewiesen sind, ist das für ihn eine immens wichtige Chance. Hadoum ist Marokkanerin, kämpferisch, und nach einem Unfall im Betrieb immer misstrauischer gegenüber dem Management. Zwischen den beiden Außenseitern entstehen leise zärtliche Bande, aber als Hadoum zur Anführerin einer Belegschaft wird, die sich gegen den geplanten Firmenverkauf stemmt, gerät Iván genau zwischen die Fronten.
Ian de la Rosa erzählt ein Liebesdrama und eine Klassenkampf-Geschichte gleichzeitig und das auf eine Art, die weder das eine noch das andere vernachlässigt. Die Identitäten seiner Figuren werden weder erklärt noch problematisiert, sondern einfach gelebt, was mir als Haltung sehr gut gefallen hat. Silver Chicón und Herminia Loh spielen mit Authentizität, die scheinbar nicht zufällig ist, denn de la Rosa hat wohl monatelang ohne Drehbuch mit ihnen gearbeitet. Dass der Film am Ende vielleicht doch zu viele Dinge gleichzeitig erzählen möchte, Liebe, Trans-Identität, Migration, Arbeitskampf, Familienerbschaft, ist ein kleiner Schwachpunkt. Den Teddy Award hat er meiner Meinung nach trotzdem absolut verdient.
| Regie | Ian de la Rosa |
| Besetzung | Silver Chicón, Herminia Loh |
| Produktionsland | Spanien, Deutschland, Belgien |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |


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