Berlinale Tag 1
Freitag, 13. Februar








Hey, Siri
Im Gegensatz zu gestern, war das morgendliche Kartenkaufen ein Traum. Drei Wunschfilme, drei Mal um 10:00 auf „neu laden“ und „in den Warenkorb“ klicken, fertig. Dann mussten wir auch schon bald los und zwar direkt Richtung Potsdamer Platz für eine Doku über die extrem kriegsgebeutelte Stadt Goma in der Demokratischen Republik Kongo. Leider lief sie im verhassten Stage Bluemax Theater, das allerdings nicht annähernd so unbequem und schlecht belüftet war, wie ich es in Erinnerung hatte 🤔
Für den Film selbst fehlte uns leider das politische Vorwissen. Eine Situation, die sich eigentlich durch das Schauen einer Dokumentation ändern lassen könnte. Aber dazu müssten die Filmemacher sich entschließen, diese Informationen auch in den Film einfließen zu lassen. Nun ja. Die Bilder waren faszinierend. Schlauer werden müssen wir auf anderem Wege.
Bei der Tagesplanung hatten wir wohl irgendwie vergessen, auf Zeiten und Entfernungen zu achten, denn wir mussten sofort bei Erscheinen des Abspanns raus und zur Bahn traben. Uff.
Der nächste Film lief in der Uber Eats Music Hall und versprach eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einer älteren, palästinensischen Witwe und einem jungen sudanesischen Geflüchteten im Libanon. Der Film fing eine ganze Viertelstunde zu spät an, weswegen wir auch hier die letzten Sekunden schon stehend an der Tür geschaut haben und sofort wieder losgespurtet sind, denn im Haus der Berliner Festspiele wartete die von mir sehr verehrte Siri Hustvedt.
Da hätte man uns (und sehr viele andere) schon beinahe nicht mehr reingelassen und wir konnten nur noch nicht ganz so optimale Plätze hinter- statt nebeneinander ergattern. Aber das war nicht schlimm, denn ich habe jedes Bild und Wort dieser großartigen Doku über eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen aufgesaugt. Auch von ihrem Ehemann Paul Auster, der ja leider letztes Jahr verstorben ist, war natürlich viel zu sehen und zu hören. Was für faszinierende Menschen! Zwischen Abspann und Filmgespräch bin ich dann noch mal zur Toilette und fast in Siri Hustvedt und Sophie Auster hineingerannt, die gerade dort aus der Tür kamen. Vor lauter Schreck habe ich sie mit einem freudestrahlenden „Oh hi!“ begrüßt, als wären wir alte Bekannte 😂
Dann hatten wir endlich etwas Zeit, den dazu passenden Hunger und ich kann an dieser Stelle direkt mal das „Shaniu’s House of Noodles“ auf der Pariser Straße empfehlen. Mein Plan war, leichte aufkommende Erkältungssymptome mit einem Chili-Knoblauch-Inferno zu bekämpfen und die gewählten Tan Tan Noodles haben diesen Job ausgezeichnet erledigt.
Weil wir scheinbar nicht aus Fehlern lernen können, mussten wir schon wieder rennen, denn plötzlich hatten wir nur noch 45 Minuten Zeit, um zurück zum Potsdamer Platz zu kommen, wo uns der letzte Film erwartete – eine Art surreal angehauchter Western über eine kleine Stadt in Wisconsin, in der 1870 eine Epidemie ausbricht und den Sheriff/Pastor in Bedrängnis bringt. Das war ganz anders als erwartet und vielleicht nicht einmal besonders gut. Da muss ich nochmal drüber nachdenken.
Dass wir am Bahnhof Zoo noch mal einen Sprint über den Vorplatz, durch die Halle und hoch zum S-Bahn-Gleis hinlegen mussten, war ja irgendwie klar. Ich werde topfit nach Hause kommen, wenn das so weiter geht.

(2) Enough Is Enough / Trop c’est trop
Im Januar 2025 fällt Goma, die Hauptstadt von Nord-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo, in die Hände der M23-Rebellen. In nur vier Tagen besiegen sie die kongolesische Armee, die Armeen von Kenia, Uganda, Tansania, Malawi, Südafrika, Burundi, die Söldner und die Milizen unter den Augen der wichtigsten Basis der UNO, der MONUSCO und zwingen Tausende Menschen zur Flucht.
Leider fehlte mir hier das politische Hintergrundwissen und der Regisseur hat sich entschieden, hauptsächlich Bilder wirken zu lassen. Das war zwar beeindruckend und hat die Situation anschaulich vermittelt, mir fehlte aber völlig die Einordnung, um zum Beispiel die Aussagen der befragten Menschen zu verstehen. Das fand ich schade und war vielleicht auch nicht die richtige Entscheidung, falls es ihm darum ging, den Konflikt und das Leiden der Menschen vor Ort in der Welt bekannter zu machen.
| Regie | Elisé Sawasawa |
| Besetzung | Eliane Feza, Moses Sawasawa, Francis Zihindula Milindwa |
| Produktionsland | Frankreich, Demokratische Republik Kongo |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Dokumentation |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(3) Only Rebels win
Die in Beirut lebende, palästinensische Witwe Suzanne geht beherzt dazwischen, als Osmane, ein junger sudanesischer Geflüchteter von zwei Männern auf offener Straße verprügelt wird. Als sie ihn mit nach Hause nimmt, um seine Wunden zu verarzten, entspinnt sich zwischen den beiden eine ungewöhlnliche Zuneigung, die in ihrem Umfeld auf alles andere als Zustimmung trifft.
Kreativ gefilmtes, überzeugend und zurückhaltend gespieltes Drama über Außenseiter in einer komplizierten, unsicheren Gesellschaft. Manchmal fand ich die Erzälung etwas lückenhaft, so dass die Motive der Figuren nicht ganz klar wurden. Die Charaktere haben ohne große Klischees die Komplexität der Situation vermittelt, wenn sie auch teilweise arg überzeichnet waren.
| Regie | Danielle Arbid |
| Besetzung | Hiam Abbass, Amine Benrachid, Shaden Fakih, Charbel Kamel, Alexandre Paulikevitch |
| Produktionsland | Frankreich, Libanon, Katar |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(4) Siri Hustvedt – Dance around the Self
Siri Hustvedt verehre ich sehr. Und mit der Aussicht, sie vielleicht live zu sehen und ein paar Worte von ihr zu hören, war die Dokumentation natürlich Pflichtprogramm. Sie ist kein typisches Filmporträt, sondern eher eine unaufgeregte, konzentrierte Reise in die Gedankenwelt einer der wichtigsten Autorinnen unserer Zeit. Siri Hustvedt spricht über das Schreiben, die Familie, die Erinnerung und über die Meilensteine und Brüche, die ein Leben strukturieren. Regisseurin Sabine Lidl ist dabei nah dran, aber nie aufdringlich.
Archivmaterial, Gespräche und kluge Beobachtungen verweben sich zu einem faszinierenden Film, der die Person Siri Hustvedt und ihre Weltsicht eindrücklich vermittelt. Besonders berührend sind die Passagen, in denen Hustvedt über Verlust und geistige Selbstbehauptung spricht, immer präzise und reflektiert, aber nie selbstgefällig. Ein stiller, kluger und persönlicher Film, der mir sehr gut gefallen hat.
| Regie | Sabine Lidl |
| Besetzung | Siri Hustvedt, Paul Auster, Sophie Auster, Katerina Fotopoulou, Liv Hustvedt |
| Produktionsland | Deutschland, Schweiz |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Dokumentation |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(5) A Prayer for the Dying
Wisconsin, 1870: Der Bürgerkriegsveteran Jacob Hansen will als Sheriff und Pfarrer in der Kleinstadt Friendship mit seiner jungen Familie neu anfangen. Die Kriegserinnerungen sitzen tief, doch hier hofft er auf Ruhe und Frieden. Stattdessen breitet sich eine tödliche Epidemie aus und Angst und Misstrauen greifen um sich. Zusammen mit dem örtlichen Arzt versucht er, die Gemeinde zu schützen und gleichzeitig seiner Rolle als Familienvater gerecht zu werden.
Dara Van Dusen hat mit A Prayer for the Dying eine düstere Parabel irgendwo zwischen Western und Endzeitdrama geschaffen. Die Bilder wechseln zwischen realistischer Nüchternheit (ärmliche Verhältnisse, staubige Landschaft) und surrealen Traumsequenzen (Feuersbrunst). Das ist zwar visuell eindrucksvoll und ambitioniert, aber für meinen Geschmack etwas zu überzeichnet und zu sehr ins Fantastische kippend. Trotzdem irgendwie faszinierend sehenswert.
| Regie | Dara Van Dusen |
| Besetzung | Johnny Flynn, John C. Reilly, Kristine Kujath Thorp, Gustav |
| Produktionsland | Norwegen, Griechenland, Vereinigtes Königreich, Schweden |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |


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