Berlinale Tag 2
Samstag, 14. Februar









Slow is the new exciting
Sehr gut geschlafen – wenn auch zu kurz – und alle Wunschkarten bekommen: Top Start in den Tag! Heute stand zunächst zweimal der Zoopalast auf dem Programm, den ich sehr liebe. Man kann nämlich den Sitz ein wenig zurücklehnen und an meinem Lieblingsplatz, der erstaunlich oft noch frei ist, sogar die Füße hochlegen.
Das war für den ersten Film The Lights, they fall auch sehr passend, denn er war – sagen wir mal – recht entspannend. Sehr viele, sehr lange, sehr ruhige Einstellungen, sehr viel nicht erzählt, sehr wenig gesagt. Nicht wirklich schlecht, aber am frühen Morgen tatsächlich etwas anstrengend und vor allem so ganz anders, als man nach dem Ankündigungstext vermutet hätte.
Nach einer Runde Burgern direkt nebenan ging es auch schon mit Allegro Pastell weiter: Der Film basiert auf dem Bestseller, den wohl angeblich jeder gelesen hat (und von dem ich noch nie gehört habe 🤔). Der hat Spaß gemacht, mich aber nicht 100% überzeugt. Cast und Crew haben einhellig bestätigt, dass die Figuren und ihr privilegiertes Millennial-Verhalten ihnen ziemlich unsympathisch waren, weswegen das Buch auch eher nicht auf meinem Nachttisch landen wird.
Weiter ging’s in der Urania, was vom Zoo aus ein schöner kleiner Spaziergang die Tauentzienstraße entlang ist. Der dort gezeigte Paradise entpuppte sich als der bisher beste Film des zugegebenermaßen noch sehr jungen Festivals. Super interessante und vor allem überraschende Story, top gespielt und richtig großartig gefilmt.
Der Endspurt des Tages fand ebenfalls in der Urania statt und ich habe die ganze Stunde Pause mit der Frage „Kaffee oder kein Kaffee?“ verbracht. Habe mich für letzteres entschieden, denn Safe Exit sollte ja ein Thriller sein und das Wach-Bleiben kein Problem. Hahaha, nein. Das war der ruhigste und langsamste Thriller, der wohl je gedreht wurde. Nicht schlecht, im Gegenteil, die Bilder waren großartig, die Story cool und der Einblick in die in Cairo spannend. Vielleicht auf doppelter Geschwindigkeit gucken? 😅
Eine Busfahrt durch die Nacht, einen Sprint zur S-Bahn und eine lange Fahrt später konnten wir auch schon um 1:30 Uhr die Augen zumachen. Und haben beschlossen, dass Good Luck, have Fun, don’t Die morgen ohne uns laufen muss 🤷🏼♀️

(6) The Lights, they fall
Während seine Mutter zu Hause im Sterben liegt und von einer Palliativpflegerin betreut wird, streift der 16-jährige Ilay mit seinen Freunden ziellos durch die Randbezirke Berlins. Schweigsam und in sich gekehrt scheint er durch den bevorstehenden Verlust in eine Art Zwischenwelt zwischen Leben und Tod zu geraten, in der er sich nicht zurecht findet und die er weder seinen Freunden, noch wohlgesonnenen Erwachsenen erklären kann.
Dieser Film war völlig unerwartet deutlich zu ruhig für das Thema. Obwohl vor allem von Mohammed Yassin Ben Majdouba und Flor Prieto Catemaxca überzeugend gespielt, fand ich das Verhalten der Charaktere oft nicht nachvollziehbar. Ebenso werden die Rahmenbedingungen von Ilays Leben nicht klar bzw. werden unlogisch angerissen. Einige der wenigen Dialoge, vor allem zwischen den Jungs, sind aber von einer wirklich großartigen rauen Zärtlichkeit geprägt. Würde nicht sagen, dass es ein schlechter Film ist, aber mir war der Kontrast zwischen Story/Aussage und Art der Umsetzung zu groß.
| Regie | Saša Vajda |
| Besetzung | Mohammed Yassin Ben Majdouba, Flor Prieto Catemaxca, Mahira Hakberdieva, Safet Bajraj, Shanthi Philipp |
| Produktionsland | Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️ |

(7) Allegro Pastell
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Leif Randt erzählt Allegro Pastell von einer Fernbeziehung zwischen Hamburg und Berlin. Zwischen Kunst, Selbstoptimierung und digitaler Nähe veruschen Tanja und Jerome eine Beziehung zu führen, die sich in Nachrichten, Sprachnotizen und sorgfältig kuratierten Begegnungen entfaltet. Es geht um Nähe und Distanz, um das richtige Timing von Gefühlen und um die Frage, wie viel Echtheit in einer durchgestylten Gegenwart noch möglich ist.
Ein oberflächlicher, schöner Film über oberflächliche, schöne Menschen. Und das ist nicht grundsätzlich negativ gemeint. Die Bilder sind klar komponiert, die Dialoge witzig und präzise beobachtet. Gleichzeitig bleibt vieles emotional und erzählerisch auf Distanz. Man schaut gern zu, bewundert die Form, vermisst aber mitunter die Tiefe und Intensität. Ein Film, der seine Zeit einfängt, ohne sie zu überhöhen. Wird den Zuschauern, die ohnehin schon Vorurteile über Millennials haben, sicher keine neuen Perspektiven aufzeigen 😉
| Regie | Anna Roller |
| Besetzung | Sylvaine Faligant, Jannis Niewöhner, Haley Louise Jones, Luna Wedler, Martina Gedeck |
| Produktionsland | Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |

(8) Paradise
Kojo, ein Jugendlicher in Ghana ist nach dem Tod seines geliebten Vaters auf sich allein gestellt und wird in die Welt des lokalen Gangsterboss hineingezogen, der hm einen schnellen Aufstieg verspricht. Tausende Kilometer entfernt in Quebec lebt Skater Tony mit seiner Mutter. Seinen Vater hat er nie kennengelernt und als seine Mutter online eine Beziehung mit einem Seemann eingeht, vermutet er einen Zusammenhang.
Ein toll gespielter, immersiv inszenierter und richtig spannender Film, der einen lange im Dunkeln lässt, differenziert verschiedene Lebenswelten beleuchtet und die Grauzonen zwischen Gut und Böse erkundet. Besonders und sehenswert.
| Regie | Jérémy Comte |
| Besetzung | Daniel Atsu Hukporti, Joey Boivin Desmeules, Evelyne de la Chenelière |
| Produktionsland | Kanada, Frankreich, Ghana |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama, Thriller |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(9) Safe Exit
Samaan, koptischer Christ, ist Sicherheitsmann in einem Wohn- und Geschäftsgebäude in Kairo, auf dessen Dach er selbst wohnt. Seine Eltern wurden vom IS ermordet. Ebenfalls in diesem Gebäude versteckt sich ein polizeilich gesuchter Verbrecher bei seiner Mutter. Wenn die Polizei anrückt, warnt Samaan ihn, so dass er sich rechtzeitig verstecken kann. Eines Tages taucht eine hartnäckige junge Frau auf, die Samaan Kopfzerbrechen bereitet.
„Langsam ist das neue spannend“, hab ich diesen Tag genannt und auf Safe Exit trifft das tatsächlich auch zu. Die Story gewinnt nach und nach in langen Einstellungen und lakonischem Spiel an Faszination. Anfangs meint man noch, der Film gehört nicht in die Kategorie Thriller, bald wird man aber eines besseren belehrt. Anders, besonders, stimmungsvoll und auf seine Art heftig.
| Regie | Mohammed Hammad |
| Besetzung | Marwan Waleed, Noha Foad, Hazem Essam, Magda Mounir, Samer Al Miniawy |
| Produktionsland | Ägypten, Libyen, Tunesien, Katar, Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Thriller |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |


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