Berlinale Tag 3
Sonntag, 15. Februar








Türkischer Tag, japanischer Abend
Statt um 7:45 Uhr aufzustehen, haben wir tatsächlich die Karten zu Good Luck, have Fun, don’t die verfallen lassen, da sie auch leider bei Kleinanzeigen niemand kaufen wollte. Das waren dann zwei teure, aber sehr entspannte Kaffee- und Frühstücksstunden, in denen wir wieder problemlos unsere Tickets kaufen konnten.
Los ging es heute mit Gelbe Briefe, einem der vielversprechendsten Filme des Festivals. Er hat da auch überhaupt nicht enttäuscht und ist jetzt mein neuer Favorit.
Im Anschluss stand mal wieder Sport auf dem Programm 🙄 Da es zu spät angefangen hat, hatten wir genau 16 Minuten Zeit, um von der Urania zum Berlinale Palast zu kommen. Das hat natürlich nicht geklappt, weswegen wir in der Late Entry Queue gelandet sind und erst nach Anfang des Films still auf irgendwelche Plätze geschleust wurden, die leider auch nicht nebeneinander lagen. Kurtuluş war aber auch ohne die ersten Minuten verständlich und ein optisches und akustisches Erlebnis. In der Rede des Regisseurs fielen die Worte „Gaza“ und „Genozid“ und ich glaube, das wird wieder Ärger geben.
Im Anschluss haben wir uns am Reload-Wahnsinn versucht, um vielleicht doch noch Karten für die Premiere von Rose zu bekommen. Das hat heute nicht funktioniert, worüber ich ehrlich gesagt ganz froh war, denn eine Pause mit Chili-Noodles und Eis konnte ich gut gebrauchen.
Mit ganz viel Zeit (puh) ging es dann zum letzten Film Shibire. Der war sehr ruhig, aber auch sehr aufwühlend, denn es ging um ein vernachlässigtes Kind und seine Perspektive auf die trostlose, schwierige Welt. Ich glaube, ich habe in noch keinem japanischen Film vorher kaputte Menschen gesehen. Dafür war es hier dann richtig schlimm.

(10) Gelbe Briefe
Derya und Aziz sind ein erfolgreiches Theaterpaar in Ankara (Berlin) und führen ein erfülltes Leben mit ihrer 13 Jahre alten Tochter. Am Premierenabend ihres neuen Stücks greift plötzlich der autoritäre Staat in ihr Leben ein. Über Nacht verlieren sie ihre Arbeit und damit nicht nur ihre finanzielle, sondern auch ihre sinnstiftende Lebensgrundlage. Ein herausfordernder Balanceakt zwischen Integrität und familiärer Alltagsbewältigung steht bevor.
Einer meiner absoluten Favoriten, was die Jury offensichtlich ähnlich sieht 😉 Von der ersten Minute an habe ich angespannt den überzeugenden und vielschichtigen Charakteren zugeschaut und die spannende Story verfolgt. Auch der kreative Kniff, Berlin zu Ankara und Hamburg zu Istanbul zu machen, hat mir sehr gut gefallen. Und wer meint, dadurch würde die Geschichte unrealistisch, weil in Deutschland sowas nicht passiert, hat wahrscheinlich nicht, aber hoffentlich Recht.
| Regie | İlker Çatak |
| Besetzung | Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin |
| Produktionsland | Deutschland, Frankreich, Türkei |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(11) Kurtuluş
Irgendwo in einer kargen anatolischen Gegend schwelt seit Generationen ein blutiger Konflikt zwischen zwei Clans. Einst haben die Bezariler die Haziran sklavisch unterdrückt, sind jedoch dann vor dem Konflikt mit dem IS geflohen und haben den Haziran nicht nur das buchstäbliche Feld überlassen, sondern auch die Aufgabe, die beiden Dörfer gegen die Terroristen zu verteidigen. Als sie nach deren Rückzug zurückkehren und die alte Ordnung wieder installieren wollen, droht der Konflikt erneut heftig aufzulodern.
Regisseur Emin Alper erzählt die geradezu biblische Geschichte einer schleichenden, von Aberglauben und Misstrauen befeuerten Eskalation. Die bedrohliche Atmosphäre setzt einem von der ersten Minute an zu und lässt bis zum Abspann nicht nach. Alper zeigt mit bedrückender Konsequenz, wie Überzeugungen entstehen, missbraucht werden und schließlich das Leben Unschuldiger zerstören. Der beeindruckende visuelle und erzählerische Stil des Films wirkt lange nach.
| Regie | İlker Çatak |
| Besetzung | Caner Cindoruk, Berkay Ateş, Feyyaz Duman, Naz Göktan, Özlem Taş |
| Produktionsland | Türkei, Frankreich, Niederlande, Griechenland, Schweden, Saudi-Arabien |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(12) Numb / Shibire
Im verschneiten Küstenstädtchen Niigata im Norden Japans wächst der kleine Daichi unter denkbar schwierigen Umständen auf: Der Vater ist gewalttätig, die Mutter alkoholkrank und kaum zu Hause. Als Reaktion auf diese schlimmen Umstände hört Daichi irgendwann auf zu sprechen. Der Film begleitet ihn in vier verschiedenen Altersstufen vom Kleinkind bis zum jungen Mann, der irgendwann versucht, seinen Vater zu finden und mit seinen Kindheitstraumata ins Reine zu kommen.
Das Besondere an diesem Film ist, wie konsequent er sich der Perspektive des Kindes verschreibt. Man sieht die Welt durch Daichis Augen: klein, verwirrend und bedrohlich und ist trotz oder gerade wegen der Stummheit der Hauptfigur tief in sein Erleben hineingezogen. Durch das Schweigen rücken Gesten, Blicke und die raue winterliche Umgebung in den Vordergrund und erzählen oft mehr als jeder Dialog es könnte. Das ist äußerst traurig und manchmal schwer zu ertragen, aber glaubhaft und mit einer ganz besonderen stillen Wucht erzählt. Kein leichter Film, aber ein sehr sehenswerter.
| Regie | Takuya Uchiyama |
| Besetzung | Takumi Kitamura, Rie Miyazawa, Tsukasa Enomoto, Anji Kato, Masatoshi Nagase |
| Produktionsland | Japan |
| Produktionsjahr | 2025 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |


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