Berlinale Tag 4
Montag, 16. Februar







Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Heute kam der obligatorische Umschwung von „Wir haben viel zu wenig Tickets und ich hab Angst, dass wir die ganzen guten Filme verpassen!“ zu „Sind wir eigentlich bekloppt? Warum haben wir uns jeden der kommenden Tag von morgens bis abends vollgeballert?“ 🤦🏼♀️
Rücken und Beine sind nicht mehr ganz so begeistert. Im Gehirn bildet sich langsam das wirre Mosaik aus Szenen und Zitaten. Morgens, mittags, abends sind nur noch bedeutungslose Wörter. Welchen Film haben wir gerade geguckt und wo sind wir? Alles unnützes Wissen!
Der erste Film war direkt eine dreistündige Herausforderung. Zwischen Castingszenen und Filmszenen, zwischen Frankreich und Guinea-Bissau und zwischen einer Hochzeit und einer Begräbniszeremonie kann man schon mal den Faden verlieren. Vor allem, wenn man noch keinen Kaffee hatte.
Und weil das so schön war, durften wir nach einer kleinen Reise zum Potsdamer Platz direkt wieder fast drei Stunden sitzen. Ich fange an, die Kinos mit Fluggesellschaften zu vergleichen (der Berlinale Palast ist zwar optisch eher Emirates, platztechnisch leider RyanAir), verstaue mein Gepäck unter dem Sitz und denke über Kompressionsstrümpfe nach. Dann brät der Hauptdarsteller mit routinierten Handgriffen Nudeln in einem ca. 15 Meter großen Wok und mir fehlt der Bord-Service.
Weiter geht’s zum Zoo Palast für London, auf den ich mich schon die ganze Zeit freue. Und obwohl er nur ruhig die Gespräche zwischen Fahrer und Beifahrer zeigt, schlafe ich nicht ein. Ich bin ein bisschen stolz und guter Dinge.
Aber dann… Ich hatte mir ja schon gedacht, dass Die Blutgräfin nicht so meins sein würde und ich hab mir wirklich Mühe gegeben, mich darauf einzulassen, aber nach zehn Minuten hab ich aufgegeben. Was für ein bizarrer Kokolores 😂 Aber gut, das war dann der Moment, in dem ich mich gemütlich zurücklehnen und ohne schlechtes Gewissen einschlafen konnte.

(13) Dao
Eben sind wir noch beim Casting, dann feiert Nour ausgelassen ihre Hochzeit auf dem französischen Land. Die nächste Einstellung führt uns nach Guinea-Bissau, wo Nours Mutter Gloria einer animistischen Zeremonie für ihren verstorbenen Vater beiwohnt. Zwischen diesen zwei Feierlichkeiten, zwischen Trauer und Jubel, zwischen Frankreich und Westafrika, bewegt sich Gloria und mit ihr ein riesiges Geflecht aus Familienmitgliedern, echten und gespielten, bekannten und fremden Gesichtern.
Regisseur Alain Gomis hat für diesen knapp dreistündigen Film echte Familienmitglieder mit Schauspielern vermischt, improvisieren lassen und wohl fast 200 Stunden Material gedreht. Das klingt anstrengend! Aber wenn man sich darauf einlässt, kann man den Film fast wie eine Art Rausch erleben, ohne ihn von vorne bis hinten verstehen zu wollen. Die Musik, die Menschen, die Gespräche und das Schweigen vermischen sich zu einem faszinierenden und berührenden Mosaik, das verschiedene Welten und Generationen miteinander verbindet. Einer der ungewöhnlichsten Filme des Festivals.
| Regie | Alain Gomis |
| Besetzung | Katy Correa, D’Johé Kouadio, Samir Guesmi, Mike Etienne, Nicolas Gomis |
| Produktionsland | Frankreich, Senegal, Guinea-Bissau |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(14) We are all Strangers / Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren
Der alleinerziehende Teenager-Vater Boon Kiat steht in Singapur Tag für Tag am Wok und brät unermüdlich Nudelgerichte. Als seine Kollegin Bee Hwa, die „Beer Auntie“ in Schwierigkeiten gerät, bietet er seine Hilfe in Form einer Heirat an. Daraufhin wird eine sehr beengte und herausfordernde bald Drei-Generationen-WG gegründet, denn Sohn Junyang, dessen Fleiß und Entscheidungskompetenz sich arg in Grenzen halten, hat seine Freundin Lydia geschwängert, die eigentlich studieren wollte.
We are all Strangers ist nicht nur eine spannende Familiengeschichte mit Höhen und Tiefen, er entfaltet sich über zweieinhalb Stunden zu einem warmherzigen, feinfühligen Kaleidoskop über (unfreiwillige) Familienbande, Fürsorge, Pflichtgefühl und Erwachsenwerden. Der Film nimmt sich Zeit für die kleinen großen Momente von Menschlichkeit und wird noch lange seinen Platz in meinem Herzen haben.
| Regie | Anthony Chen |
| Besetzung | Yeo Yann Yann, Koh Jia Ler, Andi Lim, Regene Lim |
| Produktionsland | Singapur |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(15) London
Bobby ist immer unterwegs. Mehrmals pro Woche fährt der Wiener Freigeist die A1 zwischen Wien und Salzburg, wo ein alter Freund nach einem Schlaganfall im Koma liegt. Um die Benzinkosten zu teilen und die vielen Stunden nicht allein zu verbringen, nimmt Bobby per Mitfahr-App wechselnde Fahrgäste mit: einen jungen Soldaten, der darüber nachdenkt, ob er jemals auf jemanden schießen könnte, eine junge Rumänin, die von ihrem Reisebus vergessen wurde und einen albanischstämmigen Studenten, der erklärt, warum Avatar ein kommunistisches Meisterwerk ist.
Was Sebastian Brameshuber hier geschaffen hat, ist ein unaufgeregtes Juwel des Zuhörens. Die Gespräche sind ruhig, teils lakonisch, aber nie oberflächlich. Bobby Sommer spielt sich selbst mit so zurückhaltender und unvoreingenommener Neugier, dass man gerne selbst einmal mitfahren möchte. Die zwei Stunden Autobahn sind auf jeden Fall eine Reise wert. Ein leises, kluges Porträt des heutigen Europas.
| Regie | Sebastian Brameshuber |
| Besetzung | Bobby Sommer |
| Produktionsland | Österreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(16) Die Blutgräfin
Die historische Vampir-Gräfin Erzsébet Báthory, wegen ihres mörderischen Treibens in Ungarn zur Legende geworden, erwacht im Wien der Gegenwart aus ihrem Schlaf. Mit ihrer treu ergebenen Zofe an ihrer Seite begibt sie sich auf die Jagd nach einem mysteriösen Buch, das das gesamte Vampirgeschlecht ihrer Familie vernichten könnte. Dabei kommen ihnen zwei schrullige Professoren, ein vegetarischer Neffe in die Quere.
Dass der Film ein Ereignis wird, habe ich mir schon gedacht. Ich hatte auch ziemliche Zweifel, ob dieses Ereignis nach meinem Geschmack sein würde. Und die waren leider zu 100% berechtigt. Der Film fällt eindeutig in die Kategorie „WTF did I just watch?!“ – and not in a good way. Man muss dem Film allerdings zu Gute halten, dass er mit Konsequenz und sicher auch mit großem Spaß produziert wurde. Die Kostüme sind opulent, die Wiener Kulissen liebevoll gestaltet und sowohl die ungerührt aristokratische Isabelle Huppert, als auch Conchita Wursts Auftritt (don’t ask) sind völlig überzeugend großartig genau das, was sie sein möchten. Nur leider so gar nicht das, was ich sehen möchte.
| Regie | Ulrike Ottinger |
| Besetzung | Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung |
| Produktionsland | Österreich, Luxemburg, Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Komödie, Drama, Horror, Satire |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | – |
| Sogwirkung | – |


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