Berlinale Tag 5
Dienstag, 17. Februar





Everything hurts and I’m dying
Der Wecker klingelt um 7:30 Uhr und wäre es nicht Staatsschutz, der auf dem Programm steht, würde ich ihn glatt ignorieren. Aber wir sitzen um 9:45 Uhr tapfer ohne Essen und Kaffee in der Akademie der Künste und schauen eine wirklich coolen Thriller. Und – viel wichtiger – ENDLICH einen Anti-Nazi-Film! Das ist ein richtig tolles, unterhaltsames Teil und eine Heldin ist geboren, die dringend eine eigene Noir-Comic-Serie braucht.
Ansonsten bin ich innerlich ungehalten, müde, hungrig, hab Rückenschmerzen und weiß nicht, warum ich das hier alles für eine gute Idee halte. Was ich aber weiß, ist: Morgen ist alles wieder gut 🙂
Bis dahin stapfe ich stoisch von Kino zu Bahnstation zu Backwerk zu Kino und versuche mich zu entspannen. Das klappt auch, denn sowohl Nina Roza, als auch Take me Home sind auf ihre Art sehr schön anzuschauen und bieten Einblicke in unbekannte Welten. Im ohnehin schon stickigen Bluemax Theater sitzt hinter mir eine Frau, die soviel hustet, niest und röchelt, dass ich tatsächlich zum ersten Mal eine Maske aufziehe. Drückt mir die Daumen 🙈
Dass wir dann Zeit für ein spätes Mittagessen haben, hebt meine Stimmung enorm und der anschließende Queen at Sea ist wirklich sehenswert. Dass die Frau neben mir nach Brühwürfeln riecht, ist nicht so schön, aber wenigstens nicht ansteckend.
Als wir für den Endspurt am Zoo ankommen, kreischt es schon von weitem „Ethan! Ethan!“, aber ich bin zu müde, um mich da einzureihen und will einfach nur auf einen gemütlichen Platz. Außerdem hab ich Ethan Hawke ja letztes Jahr schon auf dem roten Teppich gesehen. Das war doch dieser Typ, der vor Andrew Scott aus dem Auto gestiegen ist, oder? 😏 Spaß! Der Film ist nicht so meins, aber Ethan Hawke ist ein super sympathischer Dude und plaudert nach dem Film in seinem Glitzeranzug so fröhlich auf der Bühne herum, dass ich es verkraften kann, eine S-Bahn fahren zu lassen, die uns vor 1:00 nach Hause bringen würde.

(17) Staatsschutz
Die deutsch-koreanische Staatsanwältin Seyo Kim kämpft in mit juristischen Mitteln gegen einen Neonazi, ganz sachlich, korrekt und nach Vorschrift. Kurz darauf wird sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags: Sie wird vom Fahrrad gestoßen und von einem Molotowcocktail getroffen. Mit der Art der staatsanwaltlichen Ermittlung ihrer Kollegen unzufrieden, zieht sie (gar nicht mehr nach Vorschrift) auf eigene Faust los, gräbt in den Archiven und findet längst eingestellte „Einzelfälle“. Bei Ihren Kolleg*innen stößt sie auf Schweigen und Widerstand.
Dieser zweite Spielfilm vom jungen und sehr sympathischen Regisseur Faraz Shariat hat mich sofort völlig in seinen Bann gezogen. In der ruhigen, aber dennoch angespannten Atmosphäre schwelen die kommenden Ereignisse schon in den Blicken und Gesten. Die coolste weibliche Figur der diesjährigen Berlinale, gespielt von der für diese Rolle perfekten Chen Emilie Yan, wächst einem mit jeder Szene mehr ans Herz: Sie ist wütend, dabei aber präzise, unerschrocken und halt extrem cool. Das Panorama-Publikum hat den Film meiner Meinung völlig zu Recht mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Kleinere Drehbuchunstimmigkeiten fallen da kaum ins Gewicht, weil der Film einen da packt, wo es zählt und die Zuschauer*innen mit einer heutzutage bitter nötigen Genugtuung aus dem Kinosessel entlässt.
| Regie | Faraz Shariat |
| Besetzung | Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky |
| Produktionsland | Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Thriller |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(18) Nina Roza
Mihail ist Kunstkurator in Montreal und seit 28 Jahren nicht mehr in seinem Geburtsland Bulgarien gewesen. Er spricht Französisch, denkt auf Französisch und lehnt ab, seinem Enkel auch nur ein Wort Bulgarisch beizubringen. Als sein Chef ihn losschickt, um im bulgarischen Hinterland ein angebliches „Mal-Wunderkind“ zu begutachten, ein achtjähriges Mädchen namens Nina, reist er zähneknirschend dort hin. Er erwartet einen Schwindel, trifft aber stattdessen auf eine herzliche Dorfgemeinschaft und auf Nina: starrköpfig, entschlossen und allem Anschein nach tatsächlich hoch begabt. Unwillig bemerkt er nach und nach Risse in seiner Ablehnung.
Geneviève Dulude-De Celles hat an diesem Film wohl sechs Jahre gearbeitet, und man spürt die Sorgfalt und Ruhe in fast jeder Einstellung. Wo man zunächst ein spannendes Drama aus der Kunstwelt erwartet, findet man eine leise, warme Geschichte über Entwurzelung, Identität, Schuld und den langen Weg zurück zu sich selbst. Der Gegensatz zwischen Montreals kühlen Innenräumen und Bulgariens offenem, gemeinsamem Leben ist deutlich gezeichnet, ohne plakativ zu werden. Der Preis für das beste Drehbuch ist meiner Meinung nach verdient. Ein ruhiger, toller Einblick in eine Welt, die im Kino selten zu sehen ist.
| Regie | Geneviève Dulude-de Celles |
| Besetzung | Galin Stoev, Ekaterina Stanina, Sofia Stanina, Chiara Caselli, Michelle Tzontchev |
| Produktionsland | Kanada, Italien, Bulgarien, Belgien |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |

(19) Take me Home
Anna ist 38 und eine „Korean-American“ mit kognitiver Behinderung. Sie wohnt mit ihren älter werdenden Adoptiv-Eltern in Florida, wodurch sie die Rollen von Betreuen und Betreut-Werden langsam umkehren. Mutter Joan hat mit wachsenden körperlichen Beschwerden zu kämpfen und Vater Bob zeigt Anzeichen von Demenz. Dieses fragile Gebilde gerät ins Wanken, als eine extreme Hitzewelle die gewohnten Abläufe sprengt und Annas ältere Schwester Emily notgedrungen nach Hause kommt, um zu helfen.
Die besondere an diesem Film: Regie führt Liz Sargent und Anna wird gespielt von ihrer echten Schwester. Dieses halb-dokumentarische Format trägt den Film mehr als alles andere. Man weiß nicht immer, was gespielt und was echt ist, und das macht Anna zu einer der eindrücklichsten Figuren, die einem bei dieser Berlinale begegnen. Sie ist stur, stark, manchmal schwierig und immer völlig echt. Der Film ist traurig, manchmal schwer zu ertragen, aber nie sentimental. Gleichzeitig ist er ein klarer Appell: Das (amerikanische) Pflegesystem ist kaputt, und es sind Menschen wie Anna und ihre Familie, die das täglich in ihrem Leben spüren. Berührend, wichtig und richtig gut gemacht.
| Regie | Liz Sargent |
| Besetzung | Anna Sargent, Victor Slezak, Ali Ahn, Marceline Hugot, Shane Harper |
| Produktionsland | USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(20) Queen at Sea
In London besucht Universitätsprofessorin Amanda, ihre Mutter Leslie, die unter schwerer Demenz leidet. Als sie ins Haus kommt, „erwischt“ Leslie und deren Ehemann (ihren Stiefvater) beim Geschlechtsverkehr. Das Problem: Leslie wirkt völlig apathisch und kann durch ihren Zustand unmöglich zugestimmt haben. Da dies gegen den Rat des Hausarztes und zum wiederholten Mal vorgekommt, ruft Amanda in ihrer Hilflosigkeit die Polizei. Als diese mit der Spurensicherung antritt und die völlig überforderte, laut protestierende Leslie zu einer Untersuchung mitnimmt, ist sie jedoch gar nicht mehr sicher, das Richtige getan zu haben.
Was Lance Hammer aus diesem Thema, über das ich noch nie im Leben nachgedacht habe, gemacht hat, ist ein intelligentes, intimes und oft schmerzhaftes Drama, das sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlägt. Denn diese gibt es vermutlich gar nicht und solche Situation können nur vorsichtig und vor allem ganz individuell beurteilt und vielleicht nicht mal gelöst werden. Kein leichter, aber ein wichtiger Film über das, was das Altern der Menschen bedeutet, die wir lieben. Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay spielen das alte Paar unfassbar großartig und haben absolut verdient den silbernen Bären für die besten Nebenrollen bekommen.
| Regie | Lance Hammer |
| Besetzung | Juliette Binoche, Tom Courtenay, Anna Calder-Marshall, Florence Hunt |
| Produktionsland | Vereinigtes Königreich, USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(21) The Weight
Oregon, 1933. Die Weltwirtschaftskrise hat das Land ausgezehrt. Der Kriegsveteran Samuel Murphy schlägt sich so durch und verliert nach dem Tod seiner Frau das Sorgerecht für seine kleine, über alles geliebte Tochter Penny, weil er in ein Arbeitslager geschickt wird. Der drakonische Aufseher Clancy bietet ihm einen Deal an, der riskant und moralisch äußert zweifelhaft ist: Er schmuggelt einen Goldvorrat quer durch die Wildnis und bekommt im Gegenzug seine Freiheit und Penny zurück. Murphy stellt unter seinen Mitinsassen eine kleine Truppe zusammen und macht sich auf den gefährlichen Weg, in dem die Natur nicht der einzige Gegner ist.
The Weight ist kein besonders tiefgründiger oder herausragend kreativer Film, aber das will er vermutlich auch gar nicht sein. Er zeigt uns ein klassisches, mitreißendes Abenteuer- und Überlebensdrama mit Respekt und Können. Großartig gefilmt in den Wäldern Bayerns, die überzeugend für Oregon einspringen, und getragen von einem Ethan Hawke, der körperlich und emotional alles gibt. Wer Spannung, etwas Action und einen Vater sucht, mit dem man einfach mitfiebern muss: Hier ist der Film.
| Regie | Padraic McKinley |
| Besetzung | Ethan Hawke, Russell Crowe, Julia Jones, Austin Amelio, Avi Nash |
| Produktionsland | Deutschland, USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |


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