Berlinale Tag 6
Mittwoch, 18. Februar







Alles wird gut
Der Morgen beginnt mit einem wunderschönen Winterspaziergang an der Spree. Ich habe einen Kaffee in der Hand, der erst mal die fehlenden zwei, drei Stunden Schlaf ersetzen soll und es geht zum Haus der Kulturen der Welt, dem schönsten Gebäude unter den Spielstätten. Dort beobachten wir in Dust zwei Belgier dabei, wie sie ihre letzten 24 Stunden in Freiheit verbringen, denn sie haben ihre Tech-Firma mit kriminellen Mitteln an der Börse boomen lassen. Hier hat mir besonders der „Nichts-ist-automatisch!“-Monolog des Programmierers gefallen, weil die Wertschätzung der Softwareentwicklung so oft zu kurz kommt („Die App kostet ja 8,99 €! Frechheit, das bezahle ich nicht!“).
Ich verstehe Ihren Unmut war zum Glück etwas stressig, denn den durften wir im Cinemaxx zurückgelehnt und mit den Beinen in der Waagerechten sehen. Gebäudemanagerin Heike hat sich aber so tapfer am Rande des Nervenzusammenbruchs durch ihren Joballtag gekämpft, dass ich tatsächlich die ganze Zeit wach geblieben bin.
Nicht so danach im Zoopalast. Der extrem ruhige (und meiner Meinung nach leider auch ziemlich sinnlose) koreanische Schwarzweißfilm war alles andere als fesselnd und ich hab immer mal wieder die Augen zugemacht… nur… ganz… kurz… ich kann… ja einfach… ein bisschen… zuhören… bis mir dann nach ein paar Sätzen auffällt, dass ich ja leider ÜBERHAUPT KEIN KOREANISCH KANN!! 🤦🏼♀️
Ob das nötig ist, danach noch mal tief in den Osten zu fahren, um einen Western zu gucken (ich mag übrigens keine Western)… ich weiß es nicht. Immerhin waren wir ganz früh und haben uns die Luxusplätze gesichert. Und ich habe auch nur ein klitzekleines bisschen geschlafen.

(22) Dust
Flandern, Ende der Neunziger. Luc und Geert führen einen flämischen Technologiekonzern, der Spracherkennungssoftware verkauft und gerade an der Börse durch die Decke geht. Die Fima ist systemrelevant, denn in den Aktien stecken vermutlich 80% der Ersparnisse und des Firmenkapitals von Belgien. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Das Imperium ist auf Betrug und Lügen gebaut. Die beiden haben ein Geflecht aus Scheinfirmen und aufgeblasenen Gewinnzahlen geschaffen. Als ihnen ein britischer Finanzjournalist während eines Empfangs mitteilt, dass sein Enthüllungsartikel am nächten Morgen erscheint, haben Luc und Geert noch einen letzten Tag in Freiheit und eventuell die Chance auf zumindest ein bisschen Schadensbegrenzung.
Nicht unbedingt eine Prämisse, die mich auf Anhieb anspricht, aber Anke Blondés Film ist inspiriert vom realen Aufstieg und Zusammenbruch des Unternehmens Lernout & Hauspie und schafft es, die Brisanz und Dramatik trotz fehlender Identifikationsfiguren zu vermitteln. Aufgrund der Abhängigkeit der Bevölkerung fiebert und hofft man sogar mit den beiden, dass sie noch irgendeine Art Lösung finden. Besonders stark: Lucs „Programmierer-Rant“ am nächsten Morgen, in dem er Luc klarmacht, wie viel unermüdliche, kleinteilige Arbeit eigentlich hinter der ganzen so genannten Automatik steckt, die dieser so selbstverständlich nutzt. Ansonsten ist der Film gut gespielt, die 90er-Optik überzeugt, die Metaphorik wird allerdings etwas überstrapaziert und die Figuren bleiben etwas zu flach.
| Regie | Anke Blondé |
| Besetzung | Arieh Worthalter, Jan Hammenecker, Thibaud Dooms, Anthony Welsh |
| Produktionsland | Belgien, Polen, Griechenland, Vereinigtes Königreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(23) Ich verstehe Ihren Unmut
Heike ist Ende fünfzig und Objektleiterin bei einer Gebäudereinigungsfirma. Von morgens früh bis abends spät hetzt sie zwischen Kindergarten, Einkaufszentrum, Spielhalle und Altenheim hin und her, mahnt ihre Leute zur Sorgfalt, legt notfalls selbst Hand an und führt dabei im Auto ununterbrochen Telefonate: mit dem Chef, der Druck macht, mit Kunden, die meckern, mit Subunternehmern, die eigene Interessen verfolgen. Als sie versucht, einen nicht offiziell angemeldeten Arbeiter abzuwerben, um ihm zu helfen, droht der Subunternehmer, seine Leute abzuziehen. Heike steckt fest zwischen Anstand und Überleben, zwischen Loyalität gegenüber ihren Leuten und dem Diktat von oben. Kilian Armando Friedrich hat für sein Spielfilmdebüt mit Laiendarsteller*innen gearbeitet, darunter auch echte Reinigungskräfte. Und genau das spürt man – im allerbesten Sinne.
Ich verstehe Ihren Unmut ist einer dieser Filme, die einen mit dem Gefühl entlassen, etwas wirklich Wichtiges gesehen zu haben. Die Kamera klebt an der atemlosen Heike und Sabine Thalau (in ihrer allerersten Rolle überhaupt) spielt das mit Selbstverständlichkeit. Der Stress ist physisch spürbar und wer je geglaubt hat, Gebäudereinigung sei ein simpler Job, wird hier deutlich eines Besseren belehrt. Dass der Film dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt und auch Heike nicht zur strahlenden Heldin macht, macht ihn noch besser und ehrlicher.
| Regie | Kilian Armando Friedrich |
| Besetzung | Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt, Sadibou Diabang, Nigyar Velagic |
| Produktionsland | Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(24) The Day she returns / Geunyeoga doraon nal
Nach jahrelanger Auszeit und einer Scheidung hat die koreanische Schauspielerin Bae Jeongsu gerade wieder einen Independent-Film abgedreht. Bevor der in die Kinos kommt, absolviert sie drei ähnliche Interviews mit drei verschiedenen jungen Journalistinnen. In ihrer Schauspielklasse bittet ihr Lehrer sie anschließend, diese Gespräche vor den anderen Teilnehmerinnen nachzuspielen. Die Erinnerung lässt sie im Stich, die Interviews verlaufen beim Nachspielen ganz anders als zuvor.
Hong Sang-soo dreht seine Filme scheinbar mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht. Dieser ist schwarz-weiß, hat kaum Kulisse und viel Dialog, der meist ins Leere führt. Und trotzdem (deshalb?) wird er bei der Berlinale immer wieder gefeiert. Ob das bei diesem Film berechtigt ist, bleibt wohl Geschmackssache. Es gibt durchaus Momente, die berührend, witzig oder tiefgründig sind, aber für meinen Geschmack passiert in den 84 Minuten insgesamt deutlich zu wenig. Für mich ist er eher das Äquivalent zu einer weißen Leinwand mit einem schwarzen Punkt, die von Kunstexperten als Meisterwerk gefeiert wird. Ich bin ratlos.
| Regie | Hong Sangsoo |
| Besetzung | Song Sunmi, Cho Yunhee, Park Miso |
| Produktionsland | Südkorea |
| Produktionsjahr | 2025 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️ |

(25) Wolfram
Im Australien der 1930er-Jahre wird die indigene Gemeinschaft in der abgelegenen Bergbaustadt Haindy brutal von weißen Kolonialisten unterdrückt. Während der namensgebende Rohstoff Wolfram unter harten Bedingungen abgebaut wird, bricht durch die Ankunft einer neuen, gewaltbereiten Gruppe weiterer Schrecken aus. Eine indigene Familie wird in diesem Chaos gewaltsam auseinandergerissen und muss um ihr Überleben kämpfen. Inmitten der malerischen Outback-Kulisse entwickelt sich die Geschichte zu einem düsteren Kampf um das Überleben und die Familie.
Optisch hat der Film extrem etwas zu bieten. Er schwelgt in staubigen Sepia- und Erdtönen, was auf mich allerdings leider eher wie Instagram und nicht wie Überlebenskampf gewirkt hat. Ich fand es auch vor allem anfangs sehr schwierig, zu durchblicken, wer eigentlich warum gerade wo ist. Die Handlungsstränge des Films werden so wenig eingeführt, dass man eine Weile braucht, um der Story folgen zu können. Grundsätzlich ist Wolfram ein sehenswerter, unsentimentaler Blick auf ein dunkles Kapitel australischer Geschichte, das bis heute nachwirkt.
| Regie | Warwick Thornton |
| Besetzung | Deborah Mailman, Erroll Shand, Joe Bird, Thomas M Wright, Ferdinand Hoang |
| Produktionsland | Australien |
| Produktionsjahr | 2025 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |


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