Berlinale Tag 7
Donnerstag, 19. Februar
Belgisch aufwachen, Pakistanisch einschlafen
So ein Katastrophenfilm am Morgen ist schon was besonderes. Ich habe dann auch besonders daran gedacht, dass hier ja auch in keiner der Spielstätten die Taschen kontrolliert werden und eine Menge politische Filme gezeigt werden – was übrigens auch gut so ist, Wim Wenders! Von so einer Art Katastrophe handelte der extrem gut gemachte Heysel 85 allerdings gar nicht, trotzdem hab ich die Menschenmenge, die sich da so immer ins Kino schiebt, ein wenig anders betrachtet.
Namentlich auch etwas besonderes sollte der nächste Film sein. Mich hat er allerdings nicht vom Sessel im Zoo Palast gerissen. Ich fand die Charaktere ausnahmslos seltsam und ihr Verhalten unschlüssig dargestellt. Dabei hatte die Story eigentlich Potenzial. Hier hätte ich mal schlafen sollen, dann wäre nicht Lali, der erste pakistanische Film meines Lebens der Müdigkeit, dem vollen Bauch und dem bequemen Sitz größtenteils zum Opfer gefallen.
Die Zeit, wieder gen Osten zur Uber Eats Music Hall zu fahren, war ohnehin schon knapp bemessen und durch einen Polizeieinsatz war der Bahnverkehr gestört. Seufz… also wieder mal Treppen laufen und Power Walking. Allerdings hat Moscas dafür großzügig entschädigt. In den ersten Minuten hab ich noch gedacht, dass er viel zu ruhig und abgehoben ist, dann wurde er zum kleinen, subtil humorvollen Juwel der Menschlichkeit, in dem vor allem der kleine Junge eine große Performance hingelegt hat.
Zum einzigen Mal am Alexanderplatz ging dann der Tag mit Lady zu Ende, einem Drama um eine nigerianische Taxifahrerin, die von einem Unterwelt-Boss angeheuert wird. Der war voller faszinierender Bilder und spannend, leider ging er meiner Meinung nach aber von einer absurden Prämisse aus, was mich die ganze Zeit latent geärgert hat.
Auf der Heimfahrt hab ich mal ein paar News rund um die Berlinale gelesen, weil man ja paradoxerweise nichts mitbekommt, wenn man mittendrin ist. Dieser offene Brief, in dem von Zensur gegenüber pro-palästinensischen Äußerungen die Rede ist… Naja. Ich persönlich habe schon mal drei Regisseuren dabei zugehört, wie sie ganz in Ruhe ihre Statements zu dem Thema abgegeben haben.

(26) Heysel 85
Brüssel, 29. Mai 1985. Tausende Fans sind aus England und Italien in die belgische Hauptstadt gereist, um das Europapokalfinale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool zu verfolgen. Marie, Tochter und Pressesprecherin des amtierenden Bürgermeisters, ist mit ihrer Familie dabei. Luca, ein italienischer Fernsehjournalist, berichtet live aus dem Stadion, während seine Familie auf den Rängen sitzt. Schon vor dem Anpfiff eskaliert die Situation durch Hooligan-Gewalt und einer wegen gefälschter Ticket zu großen Anzahl an Menschen. Eine Mauer fällt zusammen und eine Massenpanik bricht aus. 39 Menschen sterben in einem Stadion, das wegen baulicher Mängel längst hätte gesperrt werden müssen, vor Augen von Politikern, die es lieber nicht genau wissen wollten.
Teodora Ana Mihai hat einen Film gedreht, der weniger Katastrophenfilm ist, als eine Analyse von institutionellem und menschlichem Versagen. Wer wusste was? Wer wollte nichts wissen? Wer wollte lieber weiter Geld verdienen? Die klaustrophobische Atmosphäre mit ihren Geräuschkulissen, in denen man die Katastrophe hört, bevor man sie sieht, ist dabei außerordentlich wirkungsvoll. Der Schrecken entfaltet sich ohne jede Sensationsgier. Dass der Bürgermeister dabei zur reinen Karikatur eines versoffenen Nichtsnutzes wird, mag übertrieben erscheinen, allerdings fällt es mir nicht schwer, diese Figur für 100% realistisch zu halten. Spannend, beklemmend, detailgetreu, wichtig.
| Regie | Teodora Ana Mihai |
| Besetzung | Violet Braeckman, Matteo Simoni, Josse De Pauw, Fabrizio Rongione, Paolo Calabresi |
| Produktionsland | Belgien, Niederlande, Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(27) Etwas ganz besonderes
Die 17-jährige Lea wohnt abwechselnd bei ihrem Vater Matze in der Waldpension der Großeltern im thüringischen Greiz und in der Stadtwohnung von Mutter Rieke. Ihre Eltern haben sich getrennt und Rieke, ist schwanger von einem neuen Mann. Die Pension steht kurz vor der Insolvenz. Als Lea bei einer Casting-Show gefragt wird, was sie besonders macht, weiß sie keine Antwort. Um sie herum: eine Tante, die zurückgekehrt ist, um das örtliche Museum zu retten, ein Cousin, der gegen Rechte demonstriert und dabei gelegentlich übers Ziel hinausschießt und eine Großmutter, die plötzlich ganz eigene Sorgen hat.
Es fällt mir irgendwie sehr schwer, den Film zu beurteilen. Die thüringische Provinz als „Lost Place“, der den Glanz vergangener Zeiten erahnen lässt, und die sozialen Verwerfungen sind genau beobachtet und Frida Hornemann in ihrer Debütrolle als Lea ist eine echte Entdeckung. Auch die anderen spielen überzeugend. Was den Film trotzdem etwas unbefriedigend wirken lässt, ist die lose Struktur aus zu vielen Nebenlinien und Figuren neben dem Hauptstrang, den ich ehrlich gesagt gar nicht genau ausmachen konnte. Die Charaktere bleiben manchmal seltsam unentschlossen in ihrem Verhalten, und hinter ein paar Handlungsentscheidungen konnte ich keine schlüssige Motivation finden. Es kommt mir so vor, als hätte der Film vor lauter Bedenken zu klischeehaft zu wirken, die Eigenschaften der Figuren viel zu sehr zurückgestutzt.
| Regie | Eva Trobisch |
| Besetzung | Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Gina Henkel, Rahel Ohm |
| Produktionsland | Deutschland |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️ |

(28) Lali
Im Punjab, in der Stadt Sahiwal, heiraten Zeba und Sajawa. Zebas drei frühere Verlobte sind unter mysteriösen Umständen vor der Hochzeit gestorben und Sajawa wird wegen seines roten Feuermals im Gesicht schon sein Leben lang verspottet. Kurz nach der turbulenten, von den Verwandten eher nicht gutgeheißenen Hochzeitsfeier wird Sajawals Mutter Sohni Ammi durch einen verirrten Freudenschuss am Bein verletzt. Die folgende Geschichte entfaltet sich in streng unterteilten Kapiteln als dunkle Komödie, als Liebesgeschichte, als Horrorfilm und als Gesellschaftsporträt.
Der Film ist der erste rein pakistanische Beitrag in der Geschichte der Berlinale. Sarmad Sultan Khoosat hat einen Rausch aus Rot, Musik, Körpern und Chaos geschaffen. Die Soundeffekte sitzen, die Bilder sind hypnotisch. Dazwischen stecken Momente echter Zärtlichkeit und echter Bedrohung. Leider bin ich persönlich nicht in der Lage, die Metaphern zu entschlüsseln, wodurch mir sicher einiges entgangen ist. Mitgenommen hat mich dieser wilde, bunte, völlig unvorhersehbare Film allemal. Und er hat mir mal wieder eine Welt gezeigt, die ich so im Kino noch nie gesehen habe.
| Regie | Sarmad Sultan Khoosat |
| Besetzung | Mamya Shajaffar, Channan Hanif, Rasti Farooq, Farazeh Syed, Mehar Bano |
| Produktionsland | Pakistan |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama, Komödie, Horror |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |

(29) Flies / Moscas
Olga ist Mitte fünfzig und lebt allein in einer Hochhaussiedlung in Mexiko-Stadt. Sie löst am Computer Sudokus, jagt Fliegen in ihrer Wohnung und geht so wenig wie möglich unter Menschen. Als sie eine Fuß-OP benötigt, die sie sich nicht leisten kann, vermietet sie widerwillig eins ihrer Zimmer an Tulio, dessen Frau im Krankenhaus gegenüber behandelt wird. Tulio verschweigt, dass er seinen neunjährigen Sohn Cristian dabei hat. Als er für einen Kurzzeit-Job in eine andere Stadt fahren muss, lässt er den Jungen allein und mit strengen Instruktionen, die mürrische Olga nicht zu stören, zurück.
Fernando Eimbcke dreht in wunderschönem Schwarzweiß einen wirklich großartigen Film. Am meisten begeistert der neunjährige Bastian Escobar, dessen Debütrolle schlicht umwerfend ist. Er schleicht, trickst, bezirzt und leidet mit einer Natürlichkeit, die ihm wohl keine Schauspielschule hätte beibringen können. Wie sich die langsame Annäherung zwischen dem Jungen und der verschlossenen Olga Schritt für Schritt entwickelt, ist warmherziges, intelligentes Kino ohne einen Funken Kitsch. Einer der Filme des Festivals, der einem noch Tage später ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
| Regie | Fernando Eimbcke |
| Besetzung | Teresita Sánchez, Bastian Escobar, Hugo Ramírez |
| Produktionsland | Mexiko |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(30) Lady
Lady ist eine der wenigen Taxifahrerinnen im nigerianischen Lagos und schlägt sich Tag für Tag durch den Verkehrs-Irrsinn. Sie spart eisern auf ein neues Leben in Freetown, Sierra Leone, und will mit niemandem etwas zu tun haben. Als ihre Kindheitsfreundin Pinky auftaucht, die jetzt als Prostituierte für einen „Gangsterboss“ arbeitet, gerät Ladys Abschottung ins Wanken. Nach anfänglichem Zögern nimmt sie den Job an, Pinky und ihre Kolleginnen zu fahren, obwohl sie eigentlich weder mit dem Gangster, noch mit dem Gewerbe ihrer Freundin etwas zu tun haben will.
Der Puls von Lagos kommt in satten Farben und einem coolen Soundtrack absolut immersiv daher. Die Besetzung ist hervorragend und hat auf dem Sundance zu Recht den „Special Jury Award for Acting Ensemble“ gewonnen. Was mich nicht vollständig überzeugt hat, ist die Prämisse selbst: Das alles entscheidende Erlebnis in Ladys Jugend, das ihre Persönlichkeit geprägt hat und ihr Verhalten erklären soll, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das hat zu einem störenden Unterton geführt, in einem guten Film mit faszinierenden Bildern und einem aufregenden Einblick in eine Welt, die man sonst nicht sieht.
| Regie | Olive Nwosu |
| Besetzung | Jessica Gabriel’s Ujah, Amanda Oruh, Tinuade Jemisey, Agu Ghineye Esthyraph, Precious Agu Eke |
| Produktionsland | Vereinigtes Königreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |


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