Berlinale Tag 8
Freitag, 20. Februar






Ambivalente Angelegenheit hier
Mittlerweile schwanke ich alle zehn Minuten zwischen „Ich hasse es, im Kino zu sitzen und suche mir ein neues Hobby!“ und „Oh, nein! In drei Tagen ist schon wieder alles vorbei!“ Zum Glück stehen heute „nur“ drei Filme auf dem Programm und die auch noch alle in der selben Spielstätte. Entschleunigungstag!
Vielleicht mit Streichhölzern für die Augenlider hätte ich den ersten, wunderschön erzählten und gefilmten Soumsoum, the Night of the Stars würdigen können, aber die Müdigkeit war leider übermächtig und ich habe wieder so einige Minuten nur „zugehört“ (nein, auch arabisch verstehe ich nicht) 😂
Einen großen Kaffee und etwas eisigen Wind um die Nase später war ich dann bereit für Amy Adams‘ Performance als trockene Alkoholikerin in At the Sea. Das hat mich sehr überzeugt und auch ein bisschen mitgenommen. Auch der nächste Film The loneliest Man in Town über einen alten Wiener Blues-Musiker, der vom neuen Investor aus seiner Wohnung, in der er seit seiner Geburt lebt, geekelt werden soll, hat mir sehr gut gefallen. Leise Gesten, große Kapitalismuskritik und absurder Humor im nostalgischen Setting.

(31) Soumsoum, the Night of the Stars / Soumsoum, la nuit des astres
Im tschadischen Ennedi-Gebirge wächst die 17-jährige Kellou nicht ganz unbeschwert auf: ihre Mutter starb kurz nach ihrer Geburt und bei der abergläubischen Dorfgemeinschaft haftet ihr der Ruf an, irgendwie schuld daran zu sein. Kellou hat Visionen und Fähigkeiten, die sie selbst nicht versteht. Als sie die aus dem Dorf verstoßene Aya trifft, beginnen die Dinge sich etwas zu klären. Aya kannte Kellous Mutter und war bei der Geburt dabei. Und sie trägt das Wissen um eine mystische Seelenwelt in sich, das sie Kellou vermitteln möchte.
Mahamat-Saleh Harouns Bilder sind von einer immensen Schärfe und Klarheit. Die Felswüste, das Licht, die Körper darin, alles wirkt hyper-echt und lebendig. So wird man von der ersten Szene an in diese andere Wirklichkeit getragen. Die ruhig erzählte, fast biblisch anmutende Geschichte wird durch diese Bilder ebenso eindrücklich erzählt, wie durch die Handlungen und Dialoge. Kellous Visionen sind kreativ umgesetzt, was nicht in allen Filmen gelingt. Insgesamt ungewöhnlich, teils auch mutig und definitiv sehenswert.
| Regie | Mahamat-Saleh Haroun |
| Besetzung | Maïmouna Miawama, Ériq Ebouaney, Achouackh Abakar Souleymane |
| Produktionsland | Frankreich, Tschad |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |

(32) At the Sea
Nach sechs Monaten Entzugsklinik kehrt Laura sie ins Familienhaus in Cape Cod zurück. Zum Mann, der nicht recht weiß, wie er mit ihr umgehen soll, zur Teenie-Tochter, die gerade keinen Kontakt will und zum kleinen Sohn Felix, der erst mal schüchtern Abstand hält. Laura war vor dem Entzug die Leiterin einer gefeierten Tanzkompanie, die sie von ihrem verstorbenen Vater übernommen hat, einem Mann mit einer Persönlichkeit, deren Schatten immer noch dunkel auf Laura lastet. Das Trauma aus der Kindheit, die Sucht, die Tanzkarriere, die sie nun nicht mehr hat, alle das staut sich in dieser Rückkehr auf.
Was Kornél Mundruczó hier aus Amy Adams herausgeholt hat, ist großartig: Sie trägt den Film fast alleine mit ihrem Gesicht und Körper: der Schmerz, die Unsicherheit, die Erschöpfung, aber auch die neue, fragile Entschlossenheit, das Leben wieder anzugehen zeigen sich ungeschminkt und authentisch. Um sie herum bleiben die anderen Figuren leider etwas distanziert, so dass keine nachvollziehbaren Emotionen oder packenden Entwicklungen entstehen. Als reine Seelenschau der tief gefallenen und wieder aufgestandenen Laura hat At the Sea mich aber trotzdem überzeugt.
| Regie | Kornél Mundruczó |
| Besetzung | Amy Adams, Murray Bartlett, Chloe East, Brett Goldstein, Dan Levy |
| Produktionsland | USA, Ungarn |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |

(33) The loneliest Man in Town
Alois Koch (aka Al Cook) ist Bluesmusiker und Ur-Wiener. Seit 60 Jahren lebt er in derselben Altbauwohnung, umgeben von Schallplatten, Büchern, Videokassetten, einem Klavier und Gitarren. Ein sorgfältig kuratiertes Lebensmuseum, das er sich selbst aufgebaut hat. Die Liebe seines Lebens, seine Frau Silvia ist seit einigen Jahren tot, aber ihr „Altar“ steht immer noch im Wohnzimmer. Nun droht ein Immobilien-Investor mit Abriss und Zwangsräumung und schikaniert Alois mit drastischen Mitteln. Was bleibt ihm? Vielleicht die erste Reise seines Lebens ins Mississippi-Delta, wo seine zweite große Liebe, die Blues-Musik, ihren Anfang genommen hat.
Tizza Covi und Rainer Frimmel sind wohl mit Al Cook seit mehr als 20 Jahren befreundet und das kann man auch spüren. Der Film ist perfekt zum Setting passend auf Super 16mm gedreht und ist mit lakonischem Humor und viel Wärme, ein leises, wichtiges Zeugnis davon, was Gentrifizierung aus echten Menschenleben macht. Nicht als Traktat, sondern einfach durch das ruhige, objektive Verweilen bei einem einzelnen Menschen. Al Cook ist so echt, so leicht komisch und so tief rührend, dass man nach dem Abspann auch irgendwie denkt, mit ihm befreundet sein zu können. Ein großer kleiner Film über Träume, Verlust und Würde.
| Regie | Tizza Covi, Rainer Frimmel |
| Besetzung | Alois Koch, Brigitte Meduna, Alfred Blechinger, Flurina Schneider |
| Produktionsland | Österreich |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐️⭐️⭐️ |
| Inszenierung | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Anspruch | ⭐️⭐️⭐️⭐️ |
| Sogwirkung | ⭐️⭐️⭐️ |


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