Kategorie: Alltagsbeobachtungen

  • Jazz

    Jazz

    Schon als wir um die Ecke biegen, riecht es nach Marihuana. Ein paar junge Leute stehen, vom leichten Herbstregen unbeeindruckt, vor dem Haus, das wohl den Jazz-Club beherbergt. Die Tür geht auf und einige Menschen schieben sich heraus. Hinter ihnen öffnet sich mir der Blick ins Innere. Es ist ein kleiner Souterrain-Raum mit einer Bühne, einigen einfachen Holzstühlen für das Publikum und einer Bar im hinteren Bereich. Fast sehe ich die Rauchschwaden vergangener Zeiten über der Szenerie wabern. Aber auch ohne Zigaretten ist die Luft eine Herausforderung, denn der Raum ist bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Menschen gefüllt. Es ist so wenig Platz, dass wir auf der Treppe stehen bleiben müssen. Erst als sich ein paar Besucher Richtung Ausgang an uns vorbeiquetschen, können wir hinunter. Ich rieche feuchte, nicht mehr ganz frisch gewaschene Jacken, Parfum, Knoblauch, Alkohol. Das hier ist der Corona-Angst-Endgegner, denke ich. Und: Hören diese Gedanken irgendwann auch mal wieder auf?

    Ich stehe etwas unsicher herum, wie so oft, wenn ich in Situationen gerate, die schon in vollem Gange sind, die Rollen verteilt, das Setting austariert. Ein Bier. Der Mann kämpft sich zur Bar durch und ich lauere auf zwei Sitzplätze, die überraschend schnell frei werden. Ich versuche, mich ein wenig zu entspannen und schaue die anderen Menschen an. Sie sind alt und jung, cool und konservativ, eine Mischung, die mir gefällt und die Bedenken nimmt, ich könne hier irgendwie nicht hingehören.

    Auf der Bühne geht es jetzt weiter. Die drei jungen Musiker – vielleicht Studenten – spielen mit Hingabe und wie immer, wenn ich dabei zusehe, spüre ich diese Mischung aus Bewunderung und Fremdscham. Mir fehlt absolut die Leidenschaft, mich einem so komplexen Ding wie einem Saxophon lange genug zu widmen, um die anstrengende dilettantische Phase zu überwinden. Und es ist mir peinlich, auch wenn ich mich deswegen selbst eine Banausin schimpfe, in die engagierten Gesichter zu schauen, die völlig versunken mit den Fingern mitzucken. Musik, denke ich. Hinhören!

    Ich schließe die Augen. Und dann fühle ich es auch.

  • Kaffeehauskultur

    Kaffeehauskultur

    „Nicht ohne ein Stück Sachertorte!“ Allein schon, weil sie scheinbar zu 95% aus Schokolade besteht, muss ich sie unbedingt probieren. Außerdem mag ich es, mal in gewissen Klischees sozusagen Probe zu sitzen. Vor allem auf Reisen. Und was bietet sich in Wien da mehr an, als der Fensterplatz auf dem verschlissenen Polsterstuhl im fast 150 Jahre alten Café Sperl? Wenn ich jetzt noch ein Moleskine dabei hätte…

    Der Kellner hat eine Hagen-Rether-Frisur, was ihn mir direkt sympathisch macht. Er kommt zu unserem Tisch und wienert los. Nicht nur die Tischplatte, sondern auch den Hinweis, dass die Flecken auf derselben vermutlich aus den 70ern stammen und uns nicht weiter stören sollen. Ich habe meine Kaffeevokabeln noch nicht gelernt und bestelle leicht beschämt einen Cappuccino. Es ist wahrscheinlich eine Wiener Melange, die ich will, aber sicher ist sicher. Die 150 Jahre währende Tradition hält das Café übrigens nicht davon ab, Hafermilch anzubieten. So einfach geht das.

    Im Kaffeehausklischee sitzt es sich übrigens ganz gut. Sachertorte ist allerdings nicht so mein Fall.

  • Kulturgut Würstelstand

    Kulturgut Würstelstand

    Hofburg, Staatsoper, Stephansdom und Schloss Schönbrunn: Wien hat so einiges eindrückliches zu bieten und das sollte man sicher nicht verpassen. Auch wird man mit einer Melange zu einem Stück Sachertorte bestimmt ganz glücklich. Eine weitere, interessante Seite der Stadt scheint sich allerdings ganz woanders zu offenbaren. Im gesamten Stadtgebiet befeuern hunderte Männer am Grill nahezu rund um die Uhr ein Wien-Gefühl etwas abseits der Reiseführer.

    Schon die Speisekarte offenbart es: Hotdog, Käsekrainer, Leberkäse, Bosnawurst. Genau wie die „Grätzel“ (Statdviertel), die kulturellen Angebote und die Cafés, repräsentieren auch die überall präsenten Würstel die faszinierende Mischung aus lokaler Tradition, kultureller Vermischung und kommerziellen Einschlägen.

    Außerdem ist es herzerwärmend anzuschauen, wie nachts der Schichtarbeiter und die betrunkenen Teenies oder nachmittags die aufgedrehten amerikanischen Touristen und das ältere, distinguierte Paar, einträchtig nebeneinander in ihre Wurst beißen.

  • Alles ist Chemie

    Alles ist Chemie

    „Omaaaaa?“ höre ich eine Stimme aus der Nachbardusche.

    „Ja, Schatz?“. Omas Tonfall lässt vermuten, dass das nicht die erste Frage des Tages ist. Außerdem klingt Oma etwas rauchig und auf niederrheinische Art resolut.

    „Warum darf man das Shampoo nicht im Schwimmbad benutzen?“

    Oma überlegt kurz. „Weil es Chemie ist!“

    Ich bin skeptisch.

    „Was ist denn Chemie?“

    Oh, es wird spannend.

    „Alles ist Chemie!“

    Jetzt bin ich beeindruckt! Kommt nun eine Abhandlung über die Zusammensetzung aller Lebewesen und Dinge im Universum?

    „Alles?“

    „Ja. Shampoo, Duschgel, Putzmittel…“

    Ach so, schade.

    Kurz will ich mir ein Urteil über Omas Wissensstand anmaßen, aber dann fällt es mir auf. Ich habe selbst keine Ahnung, wie ich das einem Kind erklären könnte.

    Beim Verlassen des Raums lächle ich beide freundlich an und gehe in die Schwimmmhalle. Das Duschgel habe ich mir extra sorgfältig abgewaschen.

    Foto: Pixabay, User „Seidenperle“, KI-generiert

  • Die Drachen-Nische

    Die Drachen-Nische

    Kurios. Es gibt Welten auf dieser Welt, die würde man nie auch nur erahnen, wenn man nicht zufällig eine Dokumentation darüber schaut. Oder im Urlaub mitten hinein gerät.

    In Norddeich fand während unserer Urlaubswoche ein Drachenfestival statt. „Och, das sieht bestimmt schön aus“, dachte ich und stellte mir ein paar schön bunte, aber unspektakuläre Flugkörper vor. Großer Irrtum! Schon von Weitem sah man beispielsweise ein Objekt so hoch über der Wiese schweben, das es wirkte, als hätten Außerirdische Posten bezogen, um uns zu beobachten.

    Auf dem Gelände selbst konnte man dann eine schier endlose Zahl an kreativen Gebilden in sämtlichen Größen, Farben und Formen entdecken. Die Bandbreite erstreckte sich von Fischen und Schweinen über Regenbogenbänder und Spiralen hin zu Aliens und Spermien (!).

    An einer Stelle war eine Art flatternde, überdimensionale Blumenwiese aufgebaut, inklusive Schmetterlingen und Marienkäfern. Als Schwiegermama und ich diese genauer begutachten wollten, kam ein sehr netter Mann auf uns zu, der uns in der folgenden halben Stunde in die faszinierende Welt der Drachenbauer (Drachenbauerinnen gibt es wohl eher selten) einführte. Die Wiese war eine Art Resteverwertung, denn der Bau der „echten“ Drachen ist um einiges anspruchsvoller. Neben einer Menge Phantasie benötigt man unzählige Quadratmeter Nylonstoff, viele viele Stunden Zeit, am besten ein eigenes Atelier auf dem Speicher und idealerweise auch noch ein Wohnmobil, denn das Drachnvolk ist reisefreudig und es gibt viele Gelegenheiten zu Austausch und Präsentation. Wie so einige Berufszweige hat wohl auch der Drachenbau ein Nachwuchsproblem. Traurig erzählte uns der Mann, dass seine Kinder sich schon lange nicht mehr für das Hobby interessierten,

    Besonders ans Herz legte er uns die Nachtflugshow am folgenden Abend und hätte er das nicht getan, wäre uns wirklich einiges entgangen. Vier beleuchtete Drachen, die synchron zur Musik tanzen und dabei Formationen bilden, ein riesiges Alien mit gruseligen Soundeffekten und eine gigantische Kobra, die am Himmel beschworen wurde, sind da nur ein paar Beispiele.

    Wow. Ganz ehrlich.