Kategorie: Gedanken

  • Der Fluch der Freiheit

    Der Fluch der Freiheit

    Es ist wohl das luxuriöseste aller Luxusprobleme. Wenn mir kein Gott, kein Diktator und kein Patriarch meinen Lebenspfad vorgibt, woran soll ich mich dann orientieren?

    Dass ich dieses Thema schon lange mit mir herumschleppe, zeigt die folgende Anekdote aus meiner Schulzeit. Im Englisch-Leistungskurs lasen wir damals „Brave new World“ und irgendwann äußerte ich wohl schwärmerisch, dass ich in dieser Welt gerne wohnen würde. Als ich später meine Nachschreibklausur in der Hand hielt (am eigentlichen Termin war ich krank), erschrak ich ein bisschen: Ich sollte genau diese Äußerung ausführlich begründen. Hatte ich denn etwa nicht verstanden, dass es sich bei dem Buch um eine Dystopie handelte? An meine genauen Worte kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich schrieb von der Überforderung durch den Pluralismus und der Sehnsucht nach klaren Vorgaben für den eigenen Lebensweg. Am meisten habe ich die Figuren im Buch darum beneidet, dass sie nicht nur genau wussten, was sie tun sollten – sie wollten es auch unbedingt. Das muss extrem entspannt sein.

    Natürlich wusste ich damals schon, dass ich in einer sehr glücklichen Situation aufgewachsen war und nicht wirklich in meinen freien Entscheidungen eingeschränkt werden wollte. Dennoch fühlte ich mich heillos überfordert. Denn je freier man leben kann, desto unfreier ist man von dem Gefühl, das mir immer besonders schwer auf den Schultern lastet: Verantwortung.

    Ich habe meine Entscheidungen natürlich trotzdem getroffen, mal aus dem Bauch, mal aus Vernunft, mal auf Anraten von anderen. So kommt man durchs Leben, vielleicht sogar gut. Dennoch hätte ich manchmal gerne die emotionale Rückendeckung der Gläubigen. Dieses grundsätzliche und unerschütterliche Koordinatensystem. Diese Instanz, die einem bei den großen und kleinen Entscheidungen des Lebens den Daumen nach oben oder unten entgegenstreckt.

    Klar, die Mischung aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Ratgeber-Bestsellern, Lust und Laune, den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und etwas Alltags-Buddhismus ist als Provisorium erstaunlich funktionstüchtig. Es ist nur so mühsam und ungewiss, jedes Mal auszutarieren, was davon denn nun anzuwenden sei – zumal die Antworten nicht selten widersprüchlich sind.

    Seufz. Also taste ich mich wohl weiter verunsichert durch die Entscheidungsfreiheit. Oder sollte ich mich einfach missionieren lassen?

  • the final goodbye

    the final goodbye

    Da stehe ich nun und erlebe zum ersten Mal, was ich bisher nur aus Filmen und Erzählungen kenne. Vor mir liegt ein Mensch, der mir mal sehr sehr lange sehr sehr nahe stand. Die Maschinen piepsen und pumpen, die Linien schlagen gleichmäßig aus. Ein präzise getaktetes System, das unermüdlich arbeitet und einen Körper am Leben erhält, der dies selbst nicht mehr vollbringen kann. Ich kann die Gefühle, die in mir auftauchen, nicht sortieren. Es sind viele. Manche wirken schablonenhaft, andere sind so lange nicht gefühlt worden, dass sie mir nur noch vage vertraut erscheinen. Ich suche in meinem Herzen nach einer Art Glauben und finde keinen.

    Aber auch wenn die Wissenschaft das hier nicht trägt, möchte ich es nicht unversucht lassen. Denn mein Unglaube ist nicht unerschütterlich. Ich versuche, das Ungesagte noch zu sagen. Das Unverziehene noch zu verzeihen. All die Missverständnisse, die Reue, die Scham, aber auch die Glücksmomente, die Vertrautheit und Dankbarkeit suche ich heraus und lege sie ihm vorsichtig hin. Ich möchte glauben, dass er sie annimmt, dass er es weiß und dass er schon längst verstanden hat. Und dass er weiß, dass auch ich schon längst verstanden habe. Auf dass es ihm Frieden gibt. Und mir auch.