Kategorie: Kino

  • Das Ungesagte

    Das Ungesagte

    Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust herrschte in den meisten Familien in Deutschland vor allem Schweigen. Die Eltern wollten vergessen statt zu erzählen, die Kinder trauten sich nicht zu fragen oder hatten vielleicht auch Angst vor den Antworten. Die Dokumentation Das Ungesagte geht diesen nicht gestellten Fragen nach: Was haben die Menschen damals wahrgenommen, wie haben sie sich gefühlt, inwieweit waren sie beteiligt und wie denken sie heute über diese Zeit? In sehr offenenen, teils verstörenden, teils berührenden Interviews erzählen die Mittäter, die Mitläuferinnen und auch die Betroffenen von ihren Erfahrungen. Die Erzählungen voller Traumata, unterdrückter Schuld, schockierender Erkenntnis und tiefer Trauer gehen sehr nahe und lassen erahnen, wie es damals zu diesen schrecklichen Verbrechen kommen konnte.

    Der Film

    Der Film ist in fünf Kapitel eingeteilt. In „Die Begeisterung“ erfahren wir, wie die Nationalsozialisten mit Aufbruchsstimmung und Gemeinschaftsgefühl vor allem die jungen Leute für ihre Sache eingenommen haben. „Der Hass“ behandelt die Erinnerungen an erstes Getuschel über die jüdischen Mitbürger*innen, über Kontaktverbot zum Spielkameraden bis hin zu den zerstörten Geschäften und brennenden Synagogen. In „Der Krieg“ erzählen die Männer von ihren Kampferfahrungen und die Frauen von der Angst vor „dem Feind“ und was er ihnen antun könnte. „Das Schweigen“ zeigt uns, wie seitdem nie wieder darüber gesprochen wurde, weil die Kinder meist nicht gefragt haben und die Eltern ohnehin nichts erzählen wollten. In „Das Erbe“ sprechen die Protagonist*innen dann über ihre heutige Sicht und ihre Gefühle, wenn sie sich erinnern.

    Screening in Köln mit anschließender Diskussion

    Heute Morgen im Odeon in Köln hatte ich die Gelegenheit, mir diesen extrem wichtigen und sehenswerten Film anzuschauen. Und nicht nur das, im Anschluss war das Regie-Duo Patricia Hector und Lothar Herzog zugeschaltet um ein bisschen mehr über die Entstehung des Films zu erzählen und Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Neben der erstaunlichen Tatsache, dass die Protagonist*innen alle fast 100 Jahre alt und beeindruckend fit sind, ging es vor allem um die Frage, ob und warum Menschen, die eine Schuld in dieser enormen Dimension auf sich genommen haben, scheinbar nicht in der Lage sind, sich dies einzugestehen, ohne völlig daran zu zerbrechen.

    Können wir uns denn nicht eingestehen, dass wir es sehr wohl gewusst haben?

    Insgesamt war das alles sehr schwer zu ertragen und ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob die menschliche Psyche nicht eine fatale Fehlkonstruktion ist. Immer wieder blitzen erschreckende Erkenntisse in den Interviews durch, etwa wenn es Jakob entfährt:

    Oder wenn jemand von seinem einzigen Kampf „Mann gegen Mann“ erzählt, bei dem er den anderen erschossen hat und ihm dann einfällt, dass dieser ja auch Angehörige hatte, die nun trauern. Aber trotz dieser Momente und selbst getätigten Aussagen über Ambivalenz, Scham und unangenehme Gefühle:

    scheint es doch nie ganz ins Bewusstsein zu dringen:

    Was bleibt ist eine ratlose Verzweiflung. Warum können eigentlich „normale“ Menschen, solche Grausamkeiten begehen? Warum schaffen sie es, immer wieder wegzuschauen, wenn diese Grausamkeiten begangen werden? Wie kann man den Menschen heutzutage begreiflich machen, wie es damals passiert ist und dass gewisse Mechanismen heute schon wieder im Gange sind? Dieser Film schafft zumindest Bewusstsein, wenn er auch keine Lösung präsentieren kann – wenn es diese denn überhaupt gibt.

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  • Aisha can’t fly away

    Aisha can’t fly away

    Aisha ist eine junge Krankenpflegerin aus dem Sudan, die in Cairo lebt. Sie kann dort zwar ihren Beruf ausüben und hat sogar eine eigene Wohnung, ist aber von einem selbstbestimmten Leben weit entfernt. Ihr Arbeitgeber zahlt wenig und willkürlich und Aisha muss sich den Wünschen der Patienten widerspruchslos beugen, bis hin zu sexuellen Übergriffen, weil ihr sonst die sofortige Entlassung bevorsteht. Das Viertel, in dem sie wohnt, wird genau wie ihre Wohnung von einer gewalttätigen Gang kontrolliert, dessen Anführer sie zu Gefälligkeiten nötigt, die sie und andere in Gefahr bringen.

    Der Film beobachtet Aishas Leben in Cairo in ruhigen, großartig komponierten und teilweise geradezu hypnotischen Bildern: Das laute, staubige und überfüllte Cairo, der Kontrast zwischen ihrer eigenen Wohngegend, in der sie weder Schlaf noch Sicherheit findet und den hübschen, wohlausgestatteten Wohnungen einiger Patienten oder auch die beengte, prekäre Lebensrealität der vielen aus dem Sudan geflohenen Frauen. Nach einiger Zeit wird der Film um ein surreralistisches Element ergänzt, als Aisha immer wieder ein mächtiges Straußenweibchen erscheint, das sie in bestimmten Situationen leitet oder Vorahnungen entstehen lässt. Genau wie dieses mystische Wesen, findet sie sich nicht nur in einer für sie feindlichen Umgebung wieder, sondern kann auch trotz der „Flügel“, die sie eigentlich besitzt (z.B. Intellekt, Mut, medizinische Kenntnisse) nicht einfach davonfliegen.

    Wegen der ikonischen Bilder und der immersiven Einblicke in eine mir völlig unbekannte Welt fand ich den Film äußerst sehenswert. Was aber auch bleibt, ist das Gefühl von Ohnmacht und Wut auf die Menschen, die die missliche Lage Anderer immer wieder hemmungslos ausnutzen, meist scheinbar auch ohne Konsequenzen. Auch durch diesen Aspekt ist Aisha can’t fly away ein wichtiger FIlm.

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  • Smalltown Girl

    Smalltown Girl

    Die junge Nore ist in ihrer Heimatstadt nicht nur für ihre extravaganten, selbst geschneiderten Outfits bekannt, sondern auch dafür, dass sie ständig Sex will und zwar mit so ziemlich jedem Mann, der ihr begenet. Dass dies auch schon in ihren jungen Teeniejahren der Fall war, ist auch kein Geheimnis. Sie war und ist halt die Ausnahme und betont selbst immer, dass sie halt gerne fickt und es überhaupt kein Problem gibt. Als die eher schüchterne Jonna sie eines Abends in ihrer Stammbar anspricht und ihr anbietet, bei ihr zu wohnen, entwickelt sich eine Freundschaft, die an Nores scheinbar unbeschwerter Oberfläche kratzt.

    Rezension (enthält Spoiler)

    Puh. Das war extrem verstörend. Wie schon vermutet, ist Nores extreme Promiskuität doch nicht so unproblematisch, sondern vielmehr ein Kompensationsmechanismus, der durch mehrere sehr traumatische Erlebnisse in ihrer Jugend ausgelöst wurde. Ohne dass der Film voyeuristisch wird, erfahren wir schonunglos Nores Geschichte. Die Geschichte eines offenen, warmherzigen Mädchens, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist und dabei immer wieder auf Männer trifft, die dies teils schonungslos, teils mit ambivalenten Gefühlen ausnutzen.

    So nimmt sich der Film der unsäglichen Frage an, die immer und immer wieder im medialen Raum steht (und meiner Meinung nach klar beantwortet werden kann): Kann es überhaupt konsensualen Sex mit Minderjährigen geben?

    Nores Erkenntnisprozess und die zu überwindenden Abwehrmechanismen ihrer Psyche sind kreativ umgesetzt und wirklich herzzerbrechend. Dana Herfurth spielt dabei die ambivalente Figur, die immer wieder zwischen abgebrühter Derbheit und tieftrauriger Zerbrechlichkeit schwankt, mit großer Präsenz und in fast allen Szenen sehr überzeugend. Nach meinem Empfinden konnten Luna Jordan und die anderen dabei schauspielerisch nicht wirklich mithalten. Auch die Dialoge waren manchmal einfach großartig auf den Punkt, an anderen Stellen allerdings wieder hölzern und unnatürlich. Trotzdem fand ich den Film absolut sehenswert, allerdings teils wirklich schwer zu ertragen.


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  • Schaut OmU, Leute!

    Schaut OmU, Leute!

    Auf die Gefahr hin, es mir mit einem gesamten Berufszweig zu verscherzen und mich für immer als radikalen Sprach-Nerd zu brandmarken: Hört auf, synchronisierte Filme und Serien zu schauen, wenn Ihr sehen und einigermaßen schnell lesen könnt! Es geht soo viel verloren und es wird den Originalen soo oft nicht annähernd gerecht. Warum wollt ihr euch das antun, wo es doch heutzutage eigentlich alles im Original mit Untertiteln gibt? Ich hab hier jedenfalls unschlagbare Argumente, es zumindest mal auszuprobieren 😉

    Die ganze Schauspielkunst erleben

    Ich weiß, dass es bei der Synchronisation riesige Qualitätunterschiede gibt, aber eine Sache ist sicher: So gut die Sprecherin oder der Sprecher ihre Sache auch machen, es ist nunmal nicht echt. Die Sprache macht grob die Hälfte des Schauspiels aus und die fällt dann halt einfach mal weg. Ich meine das wirklich in keinster Weise despektierlich, aber es wäre schon ein verdammter Zufall, wenn die Sprecher*innen von allen richtig guten Schauspieler*innen zufällig genauso überragend sind wie ihre Stimmvorbilder. Lachen, weinen, schreien, betrunken schwadronieren oder mit gebrochener Stimme flehen: Wenn schauspielerisch wirklich alles gegeben wird, soll man das denn alles verpassen? Und wer würde bitte z.B. in der Lage sein, die Stimme von Steve Buscemi nachzuahmen?

    Sprachkulturelle Unterschiede respektieren und erleben

    Sprachen sind außerdem extrem verschieden. Sie unterscheiden sich in Struktur, Melodie, Tonfall, Lautstärke, Wortschatz und vielen weiteren Feinheiten.

    Ist es nicht auffällig, dass die Dialoge in chinesischen, japanischen und koreanischen Filmen oft irgendwie komödiantisch wirken, obwohl sie es inhaltlich gar nicht sind? Das passiert, wenn die Sprecher*innen versuchen, die besondere „hauchende“ Sprechtechnik dieser asiatischen Sprachen nachzuahmen. Oder dass Frauen in amerikanischen Filmen so eine hohe, enthusiastische Stimme haben und der „schwarze Straßen-Slang“ immer so gequakt klingt? Den spezifischen Klang einer Sprache oder eines Akzents auf eine andere zu übertragen, hört sich bestenfalls einfach irgendwie nicht stimmig an. Schlimmstenfalls wie eine Parodie. Man kann ja mal versuchen, vor dem Spiegel einen empörten Monolog einer temperamentvollen Italienerin auf deutsch hinzubekommen. Viel Erfolg.

    Und wenn die Figuren verschiedene Akzente haben, wird es richtig knifflig. Meist werden die einfach weggelassen, obwohl sie Teil der Persönlichkeit sind. Einen Südstaaten-Farmer bayrisch sprechen zu lassen, wäre dann zwar irgendwie naheliegend, aber im Ergebnis völlig absurd. Warum sollte jemand aus Georgia bayrisch sprechen? Ihn genauso hochdeutsch sprechen zu lassen wie den Anwalt aus Boston, ist aber auch nicht besser, weil die ganze Distinktion dann im Eimer ist.

    Aber auch bei den Übersetzungen kann einiges schiefgehen. Wenn ein Amerikaner pausenlos „nun“ (well), „weißt du, was ich meine“ (you know what I mean) oder einfach „yeah“ sagt, ist das Blödsinn, weil auf deutsch niemand so spricht. Genauso sagen wir nicht dauernd „Aber ja!“ wie die Franzosen (mais, oui!).

    Running Gags, Wortspiele und Insider verstehen

    Durch dieses Internet bekommen wir ja auch außerhalb der deutschen Popkultur so einiges mit. Ist es da nicht super, wenn man mit You’re gonna need a bigger boat., Say hello to my little friend! oder Why so serious? etwas anfangen kann? Ansonsten muss man sich auf Übersetzungen verlassen, die aus Here’s looking at you, kid! dann Schau mir in die Augen, Kleines! machen. Uaaah.

    Wortspiele lassen sich in den seltensten Fällen übersetzen und das ist vor allem bei den Sitcoms der Horror. Dann werden sie entweder weggelassen und die Menschen lachen grundlos oder sie werden wörtlich übersetzt und die Menschen lachen grundlos. Aber selbst, wenn man sich Mühe gibt, ist es oft nur ein müder Abklatsch. Hier mal ein Beispiel aus Ted Lasso, der Serie mit den herzerwärmendsten Wortspielen überhaupt. Original: „Is Isaac okay?“ – „No, Mam, he is not. He’s a wigwam in a teepee right now.“ – „What does that mean?“ – „He’s too tense!“ (two tents). Deutsch: „Geht es Isaac gut?“ – „Nein, der Junge ist wie ’ne Dekompressionskammer.“ – „Was heißt das?“ – „Er steht unter Druck!“ Ha ha ha… nein.

    Automatisch Sprachen lernen

    Seitdem Netflix 2014 an den Start gegangen ist, hat mein Englisch so ganz nebenbei noch mal einen riesigen Sprung gemacht. Seit Haus des Geldes kann ich auf Spanisch nicht nur Essen bestellen und nach dem Weg fragen, sondern auch fluchen wie ein Profi und Französisch verstehe ich mittlerweile auch zu einem gewissen Teil, ohne dass ich mich je gezielt damit beschäftigt hätte. Gut, mein Farsi und Mandarin hat sich nicht wirklich verbessert, aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch 😀

  • Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi ist ein taiwanesischer Klassiker aus dem Jahr 2000, der zur Zeit in der restaurierten 4K-Fassung wieder im Kino zu sehen ist. Das 3-Stunden-Drama erzählt aus dem konfliktbeladenen Leben der Familie Jian. Den Einstieg bildet dabei die Hochzeit von A-Di und seiner hochschwangeren jungen Braut (hochgezogene Augenbrauen inbegriffen), die von A-Dis Ex-Partnerin jäh unterbrochen wird. Die dadurch verursachte Aufregung löst bei A-Dis Mutter einen Schlaganfall aus, wodurch sie ins Koma fällt und fortan in der Wohnung von ihrer Tochter Min-Min gepflegt wird. Diese nun sehr beengte Wohnung (Großmutter, Min-Min, Mann NJ, Tochter Ting-Ting und Sohn Yang-Yang) bildet die Herzkammer des Films. In ihr und aus ihr heraus folgen wir den ganz individuellen Alltagsproblemen der einzelnen Familienmitglieder. Einen Zusammenhalt gibt es kaum, jeder lebt für sich in seiner eigenen Welt und Wirklichkeit und ist damit beschäftigt, die Konflikte im Büro, in der Schule oder in der eigenen Seele zu lösen.

    Obwohl man vielleicht sagen könnte, dass der Film drei Stunden lang ziellos vor sich hin mäandert, wird es keinesfalls langweilig oder anstrengend. Die Figuren sind lebensnah gezeichnet und durchgehend mit den verschiedensten, teils außergewöhnlichen Problemen beschäftigt, was trotz der ruhigen, beobachtenden Erzählweise sogar einen gewissen Stress erzeugt. Die distanzierte Darstellung und das Fehlen einer eindeutigen Hauptfigur (wobei ich mich gedanklich am kleinen Yang-Yang eingehakt habe), machen eine Identifikation zwar schwierig, die einzelnen Themen erlauben durch ihre Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit durchaus emotionale Anteilnahme.

    Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Date-Szene zwischen Ting-Ting und „Speckbauch“. Vergeblich versucht er ihr näherzubringen, wie bereichernd es sein kann, auch ernste Filme im Kino zu schauen und sagt dabei den wundervoll wahren Satz:

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  • Der Fremde (L’Etranger)

    Der Fremde (L’Etranger)

    „Ich habe einen Araber getötet.“ Schon am Anfang irritiert der Protagonist Meursault mit seiner gefühllosen Art, als er – gerade vom Gefängniswärter in die Sammelzelle gebracht – die Frage eines Mit-Insassen, was er denn getan habe, so schonungslos nüchtern beantwortet. So wie alle anderen auch ist dieser Mann augenscheinlich arabisch, was zumindest mich hat heftig zusammenzucken lassen. In der folgenden, rückblickenden Erzählung stellt sich Meursaults Verfassung nicht anders dar. Dem Tod seiner Mutter und den vom Pflegeheim inszenierten Abschiedsritualen wohnt er ebenso stoisch bei wie der Misshandlung des Nachbarhundes und der Gewalt eines weiteren Nachbars gegen seine Freundin. Selbst in der Liebesbeziehung zu Marie bleibt er scheinbar emotional völlig kühl. Was ist er für ein Mensch und was hat ihn zu seiner Tat bewogen? Vor Gericht soll dies ergründet werden.

    Anders als wohl Camus in seinem Buch (ich habe es noch nicht gelesen) hat Ozon in seinem Film die politische Ebene etwas hervorgehoben. Graffitis deuten auf den Freiheitskampf der Algerier hin, das Desinteresse der Franzosen für „die Araber“ wird thematisiert und der Ermordete erhält einen Grabstein mit Namen. Ein Statement gegen die Kolonialisierung wird der Film dadurch nicht.

    Die beeindruckenden Schwarzweiß-Bilder übemitteln den Kontrast zwischen der trägen algerischen Sommerhitze und der Kühle des Protagonisten sehr stilvoll und machen den Film neben der faszinierenden Psychologie und der unruhigen Grundspannung auch ästhetisch zu einem echten Erlebnis. Schauspielerisch glänzt vor allem Pierre Lottin als grobschlächtiger Nachbar, wobei Benjamin Voisin in seinem Gefängnismonolog nach all der Regungslosikeit auch seinen emotionalen Aufrtitt haben darf. Die Frauenrollen geben leider nicht viel her, das man richtig zum glänzen bringen kann, das hat Camus auch nicht besser gemacht als alle anderen Männer damals. Dennoch haben Rebecca Marder und Hajar Bouzaouit im Film ein bisschen Raum für Präsenz, den sie beide überzeugend zu füllen wissen.

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  • Kinojahr 2025

    Kinojahr 2025

    153 mal „Licht aus, Vorhang auf“

    Das war ein neuer Rekord und an dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen wirklich unendlichen Dank an Cineville senden, das unser Hobby letztes Jahr plötzlich so viel erschwinglicher gemacht und damit auf ein noch verrückteres Level gehoben hat.

    Ich habe mich an einer Top 10 versucht, es aber sofort als völlig unmögliche Aufgabe wieder verworfen. Was ich so gerade zustande bringen kann, sind meine 25 sehenswertesten Filme ohne Ranking:

    Insgesamt war das schon ein gutes Kinojahr, wenn mir auch der ganz klare Favorit fehlt, der mich völlig umgehauen hat. Dafür gab es aber viele Momente, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben werden.

    Der kälteste Schauer lief beim Einstieg von Warfare über den Rücken, als die Jungs sich vollgepumpt mit Adrenalin zu „Call on me“ auf ihren Kriegseinsatz freuen wie auf eine Jungegesellenfahrt nach Mallorca. Bei The Change hörten die Schauer hingegen gar nicht mehr auf. Das war für mich der wahre Horrorfilm des Jahres, so realistisch wie diese Bedrohung heutzutage erscheint und so ohnmächtig, wie man dabei scheinbar zuschauen muss. Aber auch das wurde noch getoppt von Sirāt. Hier haben Menschen entsetzt das Kino verlassen und verdenken kann ich es ihnen nicht. Ein unfassbar großartiger Film – aber nur, wenn man wirklich einiges aushalten kann.

    Von Heldin Leonie Benesch und ihrer minutiös getakteten Nachtschicht im Krankenhaus konnte ich keine Sekunde die Augen lassen – und das, obwohl es der 39. und damit letzte Film der diesjährigen Berlinale war. Mindestens genau so beeindruckend hat sich Jennifer Lawrence in Die, my Love ihre Seele aus dem Leib gespielt und damit meine in Aufruhr versetzt. Ganz anders, aber nicht weniger überwältigend war die Performance von Trine Dyrholm in Beginnings. Mir fällt kaum jemand ein, der sich auf der Leinwand so schmerzhaft überzeugend verletzlich zeigen kann. Wie es Mutter und Die jüngste Tochter am Küchentisch schaffen, das Unsagbare zwischen sich zu klären, hat mich auch extrem gerührt. Das gilt ebenso für Sorda, wo eine ganz andere Art von Sprachlosigkeit überwunden wurde.

    Lieber nicht gesehen bzw. gewusst hätte ich, was Soldaten des Lichts mir an Dreistigkeit, Verantwortungslosigkeit und Realitätsferne gezeigt hat. Aber weggucken ist ja noch nie eine Lösung gewesen. Ebenso weiß ich nicht, ob in Das Verschwinden des Josef Mengele dessen grausame Taten so plastisch dargestellt werden mussten. Auch die Verhältnisse, in denen die Kids in Bird aufwachsen, hatte ich mir in einem „westlichen Land“ so nicht vorstellen können.

    Den Hype nicht verstanden habe ich bei Bugonia, vielleicht war es aber auch einfach ein bisschen viel Lanthimos in den letzten Jahren. Dafür war Kill the Jockey wohl die amüsanteste Überraschung des Jahres. Der hat mich ungefähr so gut unterhalten, wie ich es von The Phoenician Scheme erwartet hatte. Aber meh. Genau wie bei Lanthimos habe ich bei Wes Anderson nur noch das Gefühl, dass mit Starbesetzung die eigene Schrägheit abgefeiert wird, ohne neue Ideen einzubringen.

    Ohnmächtig und wütend auf die Welt und die Menscheit bin ich aus L‘ Histoire de Souleymane und To a Land Unknown rausgegangen. Oder anders gelagert aus Veni, vidi, vici und Wunderschöner. Im Prinzip Familie und Die zärtliche Revolution bewirkten aber genau das Gegenteil. Es gibt sie, die guten Menschen und guten Geschichten.

    Bei Was Marielle weiß habe ich am meisten gelacht („Rauchen ist mit dir eh langweilig!“), was bei meiner Filmauswahl allerdings ohnehin selten vorkommt. Jedenfalls sind Julia Jentsch und Felix Kramer ein großartig-komödiantisches Paar! Und ja, auch Leonardo DiCaprio ist einfach urkomisch, wie er in One Battle after Another versucht, den letzten Tropfen Konzentration aus seiner bekifften Birne zu quetschen oder tapfer seine toxisch-männlichen Instinkte bekämpft, weil er doch eigentlich so ein cooler, woker Dude ist. Ziemlich unterwältigt war ich allerdings von Colman und Cumberbatch, die mich als böse zerstrittenes Ehepaar in The Roses leider nur gelangweilt haben.

    Dann gab es leider auch wie immer Filme, bei denen ich lieber das Klo geputzt oder an die Wand gestarrt hätte, statt mir das Elend auf der Leinwand anzuschauen. Mother’s Baby mit seiner großartigen Idee, aber völlig kruden Umsetzung liegt hier ganz vorne oder auch Der Wald in mir. Nichts hat mich allerdings so sehr zum Fremdschämen gebracht, wie die „Die Welt ist mein Spielplatz“-Influencer-Party Yabadu. Auch wenn ich den beiden ganz ehrlich alles Glück dieser Welt wünsche, würde ich diesen Film gerne aus meinem Gedächtnis streichen. Das Schlusslicht des Jahres bildet für mich aber eindeutig The Klimperclown. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Helge Schneider – unabhängig davon, ob man seinen Humor nun mag oder nicht – ein sehr intelligenter, kreativer Mensch und begnadeter Musiker ist. Aber warum hat er nichts davon in diesen Film gesteckt?

    Gerne für immer behalten möchte ich allerdings diese leisen, zwischenmenschlichen Herzmomente, wie sie in A real Pain oder Sorry, Baby vorkommen. Für kleine, unkitschige Glücksmomente, die ich sammeln kann, bin ich immer sehr dankbar <3


  • Sorry, Baby

    Sorry, Baby

    Sorry, Baby erzählt von Agnes, einer jungen Hochschulprofessorin, die nach einem traumatischen Erlebnis versucht, ihren Alltag wieder zusammenzusetzen. Nicht durch einen radikalen Neuanfang, sondern in vorsichtigen Schritten, mit leisen Begegnungen und nicht zuletzt durch die Gesellschaft einer Katze. Vor allem letzteres ist meiner Meinung nach eine ganz ausgezeichnete Idee.

    Mich hat der Film genau wegen dieser leisen, schönen Momente so begeistert. Zwischen den Zeilen der scheinbar beiläufigen Gespräche, der Blickwechsel und beobachtenden Szenen wird die Heilungsgeschichte mit all ihren Widersprüchen fast genauer erzählt als es durch die tatsächliche Darstellung der Ereignisse möglich wäre. Das Figuren werden reduziert bis spröde gespielt und sind gerade dadurch sehr überzeugend. Ein zarter, unaufdringlicher Film mit subtil-schrägem Humor und viel unkitschigem Gefühl zwischen den Zeilen.

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  • Wo ich am liebsten im Dunkeln sitze

    Wo ich am liebsten im Dunkeln sitze

    Ich möchte an dieser Stelle mal den Kölner und Düsseldorfer Kinos für ihr großartiges Programm und die vielen schönen Stunden, die ich dort verbracht habe, danken. Wirklich, Ihr seid so eine Bereicherung!

    atelier (Düsseldorf)

    Im Keller des Savoy-Theaters gibt es eine große Leinwand, guten Sound und fast alle Filme, die das Herz so begehrt. Leider nur vereinzelt im Original, was bei mir ja ein Killerkriterium ist.

    Bambi (Düsseldorf)

    Eigentlich habe ich am Bambi ein paar Dinge auszusetzen. Der große Saal riecht ein wenig muffig, die Lüftung ist laut und im kleinen Saal kann man die „Pixel“ auf der Leinwand sehen. Aber ich liebe es trotzdem, vor allem für das Programm, das kaum einen sehenswerten Film auslässt. Und deswegen bin ich auch oft und gerne dort.

    Cinema (Düsseldorf)

    Ich verwechsle es von innen ja immer mit dem atelier, auch wenn man mir mehrfach versichert hat, dass es komplett anders aussieht. Aber auch hier gibt es die große Leinwand, den guten Sound und ein vielseitiges Programm. Hin und wieder auch in OmU.

    Cinenova (Köln)

    Hier kann man Indie-Filme mit dem Komfort der großen „Popcorn-Kinos“ gucken. Viel Platz, bequeme Sitze, riesige Leinwand, toller Sound. Die 3-Stunden-Filme gucke ich daher am liebsten hier, wenn sie denn in OmU laufen. Generell wäre hier ein bisschen mehr Originalton schön, aber ich weiß natürlich, dass das nicht alle mögen.

    Filmhaus (Köln)

    Lange hatten wir es gar nicht auf dem Schirm. Das ist zum Glück nicht mehr so, denn auch hier bin ich sehr gerne. Das Foyer hat etwas von einem modernen Museum, beherbergt aber auch die eine oder andere Party. Das Programm scheint mir mit besonderer kultureller Sorgfalt kuratiert zu sein und hält oft Filme bereit, die man sonst nirgendwo sieht. Bequem ist es auch und der Kaffee ist der beste von allen.

    Filmpalette (Köln)

    Ich glaube, man liebt sie oder hasst sie. Ich jedenfalls liebe sie sehr. Sie hat am meisten Charme und ein großartiges Programm, das immer auch die sehr speziellen Filme beinhaltet. Die Einrichtung und deren Zustand würde ich mal vorsichtig als „vintage“ bezeichnen und die Säle sind eher klein. Aber die besondere Atmosphäre hat schon so einiges Mal dazu beigetragen, das Filmerlebnis zu intensivieren. Trotzdem rumort in meinem Kopf die Idee einer Initiative „Clean up the Filmpalette“.

    Lichtspiele Kalk (Köln)

    Leider am weitesten entfernt, aber immer wieder einen Besuch wert. Das Programm hat die prägnanteste Handschrift: Alles, was irgendwie schräg ist, kann man hier garantiert gucken. Aber auch ältere und ganz alte Schätze werden immer mal wieder gezeigt. Die Leute sind super nett, der Sound wirklich großartig (!) und die Sitze bequem, wenn auch die Beinfreiheit eher Richtung Ryanair geht.

    Metropol (Düsseldorf)

    Mein Lieblingskino in Düsseldorf. Seit Ende 2024 ist es schick umgebaut, hat an Komfort dazugewonnen, aber keinen Charme verloren. Große Leinwand und guter Sound im großen Saal, kleine Leinwand und guter Sound im kleinen Saal. Top Popcorn gibt es auch. Und seit neuestem beherbergt es das wiederauferstandene Souterrain (siehe unten).

    Odeon (Köln)

    Auch hier gibt es ein sehr vielseitiges Programm, immer einiges im Original mit Untertiteln und drei Säle, von denen mir der mittlere am besten gefällt. Das Foyer hat Flair und ein paar Tische, so dass man zwischen den Filmen auch mal sitzen und etwas trinken kann.

    Off-Broadway (Köln)

    Es hat eine Kino-Katze und allein dafür liebe ich es am meisten! Alles wird grundsätzlich in OmU gezeigt, beide Säle haben guten Sound und eine große Leinwand, das Programm ist vielseitig und interessant. Dass man zwei Häuser weiter im Habibi-Restaurant eine Zwischen-Film-Falafel essen kann, gibt noch mal Bonuspunkte. Die Sitze in Kino 1 sind etwas durchgesessen, aber damit kann man gut leben.

    Souterrain (Düsseldorf)

    Totgesagte projizieren länger oder wie sagt man? Das „Original-Souterrain“ unter dem Café Muggel ist seit dem 30. Juni 2023 geschlossen. Aber in den Katakomben des Metropol ist es wieder zurückgekehrt. Zwar nicht mehr mit dem gleichen Charme und dem Café (Brunch und Film waren eine großartige Combo), aber ich bin trotzdem happy.

    Weisshaus (Köln)

    Hier sind wir nicht so oft, weil die meisten Filme synchronisiert laufen, aber hin und wieder finden wir doch etwas. Außerdem gibt es ja auch deutsche Filme 😉 Außerdem haben wir hier schon den einen oder anderen Film noch gesehen, den wir glaubten verpasst zu haben.

  • Die, my Love

    Die, my Love

    Die, my Love erzählt von der jungen, schwangeren Grace, die mit ihrem Lebensgefährten Jackson in ein abgelegenes Farmhaus nahe seiner Familie zieht. Ihre Persönlichkeit und Seelengesundheit kollidieren dort jedoch zunehmend mit den Erwartungen an Beziehung und Mutterschaft. Vom beruflich reisenden Jackson weitgehend alleingelassen, kippen Graces Gefühle immer häufiger in unschöne Sphären: Das gemeinsam geschaffene Zuhause wird zum Gefängnis, die mütterliche Überforderung zur postpartalen Depression und die Leidenschaft in der Beziehung zu Wahn und rasender Eifersucht.

    Jennifer Lawrence trägt den Film mit ihrem radikal körperlichen und emotionalen Spiel. Ihre innere Zerrissenheit wird schmerzhaft spürbar und ist oft schwer auszuhalten. Die emotionale Spannung entsteht hier weniger aus tatsächlichen Konfliktsituationen, als aus einer permanenten inneren Unruhe, die sich auf den Zuschauer überträgt. Ein intensiver, unbequemer Film, der lange nachwirkt.

    Copyright © MUBI

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