Kategorie: Kino

  • Berlinale-Tagebuch 2026

    Berlinale-Tagebuch 2026

    Eröffnungsabend

    Donnerstag, 12. Februar

    Es hat wieder geklappt! Die Karten für die Übertragung der Eröffnungsgala und des Eröffnungsfilms „No good Men“ waren schnell eingetütet. Auch die Fahrt nach Berlin war absolut problemlos. Ich nehme das mal als gutes Omen für die ganze Berlinale 😉

    Im Gegensatz zum Winterwunderland des vergangenen Jahres, mussten wir uns leider durch extrem usseliges Wetter kämpfen, aber der Abend hat uns großzügig entschädigt. Die Eröffnungsgala war genauso straff organisiert wie im letzten Jahr und hat mir sehr gut gefallen. Désirée Nosbusch hat charmant durch den Abend geführt, ehrfürchtig Wim Wenders geknuddelt und eine feine Prise Politik eingestreut. Überhaupt Politik: Weder Kai Wegner, noch Wolfram Weimer durften auch nur ein Wort von sich geben, wurden aber beide in der Uber Eats Music Hall leidenschaftlich ausgebuht. Sean Baker hat Michelle Yeoh so überzeugend glorifiziert, dass ich plötzlich zum Fan geworden bin und ihre Dankesrede für den goldenen Ehrenbären hat mir ein paar Tränen entlockt. Und als Tricia Tuttle dann die magischen Worte sprach, war ich dann endgültig völlig aus dem Häuschen. Die 76. internationalen Filmfestspiele von Berlin sind eröffnet und zehn Tage mit wenig Schlaf und viel U-Bahn-Treppen-Laufen, aber auch mit einem unfassbaren Schatz an Eindrücken stehen bevor und ich kann mir kaum etwas besseres vorstellen! <3

    Afghanistan, 2021. Naru ist Kamerafrau bei Kabul TV, darf aber nur eine „Frauensendung“ filmen, die jeder halbwegs mit Gleichberechtigung einverstandene Mensch nur für blanke Satire halten kann. Sie selbst, ihre Kolleginnen und auch die auf der Straße zum Valentinstag interviewten Frauen sind sich einig: Es gibt in ganz Afghanistan keinen guten Mann. Auch ihr Noch-Ehemann ist da absolut keine Ausnahme. Als Naru sich einen Aushilfs-Kamerajob mit dem News-Team erkämpft und mit Qodrat, dem Star-Journalisten zusammenarbeitet, scheint sich dieses Urteil zunächst zu bestätigen.

    Eine afghanische RomCom? Wenn das mal nicht interessant wird! Und das war es auch wirklich. No good Men war ohnehin erst der zweite afghanische Film, den ich gesehen habe, und wieder ist er von einer Frau. Bemerkenswert. Shahrbanoo Sadat hat hier nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, sondern auch direkt die Hauptrolle gespielt. Und das ganz schön überzeugend. Auch Anwar Hashimi, ihr Gegenpart, hatte eine richtig tolle, unaufgeregte Präsenz. Und natürlich war das auch nicht einfach nur eine RomCom, denn in Afghanistan kann man sich nicht in Ruhe verlieben, schon gar nicht, wenn die Taliban kurz vor der Machtübernahme stehen. Ich möchte auch gar nicht zu viel verraten, aber der Film hat mich extrem berührt, geschockt und mit viel Wut im Bauch zurückgelassen. Richtig gut gemacht, vielseitig und mit extrem wichtiger Botschaft.

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  • Ein Kuchen für den Präsidenten

    Ein Kuchen für den Präsidenten

    Im Irak in den 90er-Jahren steht der Geburtstag von Diktator Saddam Hussein kurz bevor. Der Großteil der Bevölkerung lebt nicht nur in Angst und bitterer Armut, die Sanktionen sorgen zusätzlich dafür, dass überhaupt kaum Lebensmittel verfügbar sind. Dennoch erwartet der Diktator von seinem Volk nicht nur euphorischen Gehorsam, sondern auch einen persönlichen Beitrag zu seinem Ehrentag.

    Auch in Lamias Schule wird ausgelost, wem die zweifelhafte Ehre dieses Beitrags zuteil wird. Ein Kind muss putzen, ein anderes Obst besorgen. Die 9-jährige Lamia aber erwischt es am härtesten: Sie muss einen Kuchen backen, sonst drohen ihrer Familie harte Strafen. Eine schier unlösbare Aufgabe, da sie nicht nur mit ihrer Großmutter am Existenzminimum lebt, sondern Zutaten wie Eier, Zucker oder Backpulver kaum gekauft werden können.

    Mit nur zwei Tagen Zeit versucht sie dennoch, zusammen mit ihrem Klassenkameraden Saeed und ihrem Hahn Hindi in der nächstgelegenen Stadt die Zutaten aufzutreiben. Eine abenteuerliche Suche durch ein unbekanntes Labyrinth voller Gefahren, aber auch mit freundlichen, fast wundersamen Begegnungen steht den beiden Kindern bevor.

    Als die Kamera am Anfang des Films über eine Sumpflandschaft fährt, denke ich „Oh, den Irak hatte ich mir irgendwie trockener vorgestellt.“ Aber genau deswegen schaue ich ja so viele Filme aus aller Welt. In der besagten Sumpflandschaft, die im Süd-Irak im Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris liegt, wohnt Lamia mit ihrer Großmutter. Die aus Bambus gebauten Hütten sind im Schilf verankert und können nur mit den typischen Booten erreicht werden, die schon von den kleinen Kindern geschickt gesteuert werden. Auch in der Schule ist es nicht gerade komfortabel: Nackte Wände, kaputte Fensterscheiben und der Lehrer „konfisziert“ mal eben beim morgendlichen Taschencheck Lamias Apfel – ihr einziges Essen an diesem Tag. Das Bild des alltäglichen Lebens ist also deutlich. Während der Diktator von den Sanktionen unbeeindruckt im Luxus lebt, kämpfen die Menschen sich durch jeden einzelnen Tag.

    Die Darsteller im Film sind alle Laien, die wirklich an den Schauplätzen des Films leben. Das merkt man auch hin und wieder, was das Filmerlebnis aber überhaupt nicht schmälert. Die Einblicke in das damalige Leben im Irak, die ausdrucksstarke Hauptdarstellerin und die vielen schönen und auch gar nicht so schönen menschlichen Begegnungen machen Ein Kuchen für den Präsidenten zu einem wirklich sehenswerten und wichtigen Film.

    In der anschließenden Diskussion gaben Huner Karim, der selbst aus dem Irak stammt und heute Anti-Gewalt-Trainer in Essen ist sowie Dr. Meeson Abdalla Anbar vom Deutsch-Irakischen Haus für Kunst und Kultur e.V. weitere Einblicke in die damalige Lebensrealität im Irak und standen für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

    Besonders berührend waren einige Wortmeldungen von Menschen, die ebenfalls damals im Irak gelebt haben. Ein Mann erzählte z.B. mit den Tränen kämpfend, welche schlimmen Dinge er im Gefängnis gesehen und auch selbst erlebt hat.

    Vor allem, wenn es im Anschluss ein Gespräch gibt, sind solche Filme immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung und eine Erinnerung daran, dass es nicht selbstverständlich ist, wie wir hier leben können und dass die Menschen durchaus sehr nachvollziehbare Gründe haben, ihre Heimat zu verlassen und es in Deutschland zu versuchen. Leider habe ich allerdings meistens das Gefühl, dass die Menschen, die diese Erinnerung dringend nötig hatten, nie im Publikum sitzen.

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  • Hamnet

    Hamnet

    Agnes hat einen Falken als Haustier, kennt die Namen und Wirkweisen aller Kräuter und fühlt sich im Wald wohler als im bürgerlichen Haus. Diese Eigenwilligkeit gepaart mit der Tatsache, dass ihre leibliche Mutter nur noch in alten Geschichten weiterlebt, hat ihren Ruf im Dorf besiegelt. Doch die „Tochter der Waldhexe“ lässt sich in ihrer ungezähmten Lebensführung nicht beirren, was ihr wiederum die Bewunderung des Handschuhmacher-Sohns einbringt. Dieser hört auf den Namen William Shakespeare und ist ein Mann der Worte – allerdings so gar nicht in dem Moment, in dem er zum ersten Mal vor Agnes steht. Doch die beiden finden zu einer außergewöhnlichen Beziehung zusammen, in der sie einander in die Seele schauen und sich gegenseitig in ihrer Einzigartigkeit aufleben lassen – selbst wenn dies bedeutet, dass ein ruhiges, inniges Familienleben mit den drei gemeinsamen Kindern unmöglich ist. Als ein tragisches Ereignis ihr Leben erschüttert, muss sich zeigen, wie weit Liebe und Verständnis die räumliche und seelische Distanz überwinden können.

    Jessie Buckley spielt sich um Verstand, Körper und Seele und hinterlässt damit einen tiefen Abdruck in den Herzen des Publikums. Allerdings stehen ihr da Paul Mescal und die Kinder (Jacobi Jupe hat mein Herz gebrochen!) kaum in etwas nach. Die Kostüme, die Kulissen, die Landschaft, die Musik… all dies entführt in eine Traumwelt, in der wir Leben, Liebe, Tod und Erlösung schmerzhaft mitfühlen können. Ergebnis: Um mich herum und aus mir heraus schluchzte es abwechselnd aus Erschütterung, Rührung und Erleichterung.

    Die unbeirrbare, universelle Liebe von Agnes, Williams tieftraurige Poetenseele und die weise Tapferkeit des kleinen Hamnet bilden ein herausragendes Spektrum an Persönlichkeiten. Und in all ihrer Unterschiedlichkeit fügen diese sich zur Erlösung zusammen, die – wie sollte es anders sein – im Theater passiert, dem einzigen Ort, an dem William seine bleischweren Gefühle in Worte fassen kann und so unzähligen Menschen die Möglichkeit gibt, ebenfalls ihre ganz eigene Erlösung zu finden, statt in den Untiefen des Lebens unterzugehen.

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  • Silent Friend

    Silent Friend

    Im botanischen Garten der Uni Marburg steht ein uralter Gingko-Baum. Seit mehr als 100 Jahren ist er der stille Zeuge menschlicher Begegnungen und Entwicklungen. Im Jahr 1908 erkämpft sich Grete gegen ein Bollwerk aus alten weißen Männern als erste Frau Zugang zum Biologiestudium. Auch für die Assistenzstelle beim Fotografen, mit der sie ihr Studium finanzieren möchte, sind Frauen zunächst angeblich völlig ungeeignet. Dank ihrer höflichen Beharrlichkeit kann sie jedoch beide Welten erkunden und dort subtile Gemeinsamkeiten zwischen Pflanze und Mensch aufdecken. 1972 übernimmt Hannes, der eigentlich keine Pflanzen mag, die Urlaubsvertretung für das Geranien-Experiment seiner Kommilitonin. Seinem ersten Unwillen folgt eine geradezu zärtliche Faszination für die Blume, die das Experiment nach und nach auf ein ungeahntes Level hebt. 2020 wird das Uni-Gelände für den chinesischen Neurowissenschaftler Tony zur Lockdown-WG, die er mit dem misstrauischen Hausmeister teilen muss. Um sich die Zeit sinnvoll zu vertreiben, versucht er – etwas abseits seines eigentlichen Forschungsgebiets – dem alten Gingko-Baum kommunikative Signale zu entlocken.

    Was für ein wunderschöner Film! Nach dem Trailer hatte ich ein ziemlich verkopftes, eher dokumentarisches Format erwartet, wurde aber mit einer bewusstseinserweiternden Reise in die Welt der Wahrnehmung und der Kommunikation überrascht. Meditative Bilder vermischt mit subtilem Humor und faszinierenden wissenschaftlichen Fakten haben den Kinoabend zu einem Erlebnis gemacht, an das ich sicher einige Zeit zurückdenken werde.

    Die drei Zeitebenen sind auf verschiedenen Medien (35mm, 16mm und digital) gefilmt und erhalten dadurch ihre eigene, typische Ästhetik. Luna Wedler ist wie geschaffen für die Rolle der unbeirrba­ren Pionierin und Enzo Brumm überzeugt als schüchterner Junge vom Land, der am Ende mit der Geranie besser kommunizieren kann als mit der leichtherzigen Gundula. Und wie sympathisch ist bitte Tony Leung? Die kindliche Neugier und feinsinnige Art, mit der er versucht, den grimmigen Hausmeister zu erweichen, verkörpert er so authentisch, dass ich jetzt irgendwie überzeugt bin, dass das genau sein Charakter ist. Und auch Léa Seydoux überzeugt als Alice, die Tony per Zoom mit ihrer Expertise zur Kommunikation von Pflanzen zur Seite steht. Insgesamt also ein ungewöhnlicher und ungewöhnlich sehenswerter Film, der bei mir in den Jahres-Charts sicher einen sehr hohen Platz bekommen wird. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mal eben den Ficus bitten, die Heizung hochzudrehen.

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  • Ein einfacher Unfall

    Ein einfacher Unfall

    Eine Familie auf dem Heimweg fährt auf einsamer dunkler Straße einen Hund an und bittet in einer nahegelegenen Werkstatt um Hilfe. Vahid, der gerade im Obergeschoss zu tun hat, erstarrt, als er den Mann unten herumgehen hört. Als das Auto notdüftig repariert ist, folgt Vahid der Familie nach Hause und harrt die ganze Nacht dort aus. Am nächsten Morgen folgt er dem Mann und entführt ihn, denn Vahid vermutet, dass es sich um Eghbal handelt, der ihn und eine Gruppe anderer vor einigen Jahren im Gefängnis gefoltert hat. Bevor er den Mann lebendig vergräbt, möchte er dann aber doch hundertprozentig sicher sein, dass er sich nicht geirrt hat. Also macht er sich auf, die anderen zu kontaktieren und um Hilfe bei der Identifizierung zu bitten.

    In den ersten Szenen ist völlig unklar, wohin sich die Geschichte entwickelt. So macht man sich zunächst eher Sorgen um die Familie und hält Vahid für durchgedreht und gefährlich. Dies finde ich äußerst clever, weil es sofort am Anfang widerspiegelt, was bei allen totalitären Regimen kaum fassbar ist: Sie sind auf die scheinbar ganz normalen Menschen als Handlanger angewiesen und haben offensichtlich nie Probleme, sie zu finden.

    Als Vahid im weiteren Verlauf des Films versucht, seine damaligen Mitgefangenen aufzuspüren und ihnen die zugegegebenermaßen etwas unausgegorene Lage präsentiert, stößt er nicht unbedingt auf Begeisterung. Sie alle haben ihre individuellen Strategien, mit der Vergangenheit umzugehen und ihre eigenen Ansichten zu Schuld, Vergeltung und Vergebung. Es entwickelt sich eine chaotische Stadtrundfahrt, in der wir auch einige Details des iranischen Alltagslebens erfahren, wie z.B. dass Frauen durchaus unverschleiert in der Öffentlichkeit zu sehen sind und man immer eine Bankkarte für eine kleine „Spende“ parat haben sollte (hier haben die vielen Iraner*innen im Publikum wissend gelacht).

    Anfangs war ich etwas irritiert über das teils fast klamaukige Chaos, weil ich einen sehr ernsten Film erwartet hatte. Aber wäre es nicht auch völlig unrealistisch, Unordnung und Humor wegzulassen? Wenn ich eins aus den mittlerweile doch einigen iranischen Filmen gelernt habe, dann dass die Menschen dort trotz der extrem widrigen Lebensbedingungen nicht aufgeben und ihren Humor nicht verlieren. Ob das allerdings bei den schrecklichen aktuellen Ereignissen immer noch gilt, ist schwierig zu sagen. Der Film jedenfalls ist absolut sehenswert, großartig gespielt und politisch enorm wichtig.

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  • Das Ungesagte

    Das Ungesagte

    Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust herrschte in den meisten Familien in Deutschland vor allem Schweigen. Die Eltern wollten vergessen statt zu erzählen, die Kinder trauten sich nicht zu fragen oder hatten vielleicht auch Angst vor den Antworten. Die Dokumentation Das Ungesagte geht diesen nicht gestellten Fragen nach: Was haben die Menschen damals wahrgenommen, wie haben sie sich gefühlt, inwieweit waren sie beteiligt und wie denken sie heute über diese Zeit? In sehr offenenen, teils verstörenden, teils berührenden Interviews erzählen die Mittäter, die Mitläuferinnen und auch die Betroffenen von ihren Erfahrungen. Die Erzählungen voller Traumata, unterdrückter Schuld, schockierender Erkenntnis und tiefer Trauer gehen sehr nahe und lassen erahnen, wie es damals zu diesen schrecklichen Verbrechen kommen konnte.

    Der Film

    Der Film ist in fünf Kapitel eingeteilt. In „Die Begeisterung“ erfahren wir, wie die Nationalsozialisten mit Aufbruchsstimmung und Gemeinschaftsgefühl vor allem die jungen Leute für ihre Sache eingenommen haben. „Der Hass“ behandelt die Erinnerungen an erstes Getuschel über die jüdischen Mitbürger*innen, über Kontaktverbot zum Spielkameraden bis hin zu den zerstörten Geschäften und brennenden Synagogen. In „Der Krieg“ erzählen die Männer von ihren Kampferfahrungen und die Frauen von der Angst vor „dem Feind“ und was er ihnen antun könnte. „Das Schweigen“ zeigt uns, wie seitdem nie wieder darüber gesprochen wurde, weil die Kinder meist nicht gefragt haben und die Eltern ohnehin nichts erzählen wollten. In „Das Erbe“ sprechen die Protagonist*innen dann über ihre heutige Sicht und ihre Gefühle, wenn sie sich erinnern.

    Screening in Köln mit anschließender Diskussion

    Heute Morgen im Odeon in Köln hatte ich die Gelegenheit, mir diesen extrem wichtigen und sehenswerten Film anzuschauen. Und nicht nur das, im Anschluss war das Regie-Duo Patricia Hector und Lothar Herzog zugeschaltet um ein bisschen mehr über die Entstehung des Films zu erzählen und Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Neben der erstaunlichen Tatsache, dass die Protagonist*innen alle fast 100 Jahre alt und beeindruckend fit sind, ging es vor allem um die Frage, ob und warum Menschen, die eine Schuld in dieser enormen Dimension auf sich genommen haben, scheinbar nicht in der Lage sind, sich dies einzugestehen, ohne völlig daran zu zerbrechen.

    Können wir uns denn nicht eingestehen, dass wir es sehr wohl gewusst haben?

    Insgesamt war das alles sehr schwer zu ertragen und ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob die menschliche Psyche nicht eine fatale Fehlkonstruktion ist. Immer wieder blitzen erschreckende Erkenntisse in den Interviews durch, etwa wenn es Jakob entfährt:

    Oder wenn jemand von seinem einzigen Kampf „Mann gegen Mann“ erzählt, bei dem er den anderen erschossen hat und ihm dann einfällt, dass dieser ja auch Angehörige hatte, die nun trauern. Aber trotz dieser Momente und selbst getätigten Aussagen über Ambivalenz, Scham und unangenehme Gefühle:

    scheint es doch nie ganz ins Bewusstsein zu dringen:

    Was bleibt ist eine ratlose Verzweiflung. Warum können eigentlich „normale“ Menschen, solche Grausamkeiten begehen? Warum schaffen sie es, immer wieder wegzuschauen, wenn diese Grausamkeiten begangen werden? Wie kann man den Menschen heutzutage begreiflich machen, wie es damals passiert ist und dass gewisse Mechanismen heute schon wieder im Gange sind? Dieser Film schafft zumindest Bewusstsein, wenn er auch keine Lösung präsentieren kann – wenn es diese denn überhaupt gibt.

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  • Aisha can’t fly away

    Aisha can’t fly away

    Aisha ist eine junge Krankenpflegerin aus dem Sudan, die in Cairo lebt. Sie kann dort zwar ihren Beruf ausüben und hat sogar eine eigene Wohnung, ist aber von einem selbstbestimmten Leben weit entfernt. Ihr Arbeitgeber zahlt wenig und willkürlich und Aisha muss sich den Wünschen der Patienten widerspruchslos beugen, bis hin zu sexuellen Übergriffen, weil ihr sonst die sofortige Entlassung bevorsteht. Das Viertel, in dem sie wohnt, wird genau wie ihre Wohnung von einer gewalttätigen Gang kontrolliert, dessen Anführer sie zu Gefälligkeiten nötigt, die sie und andere in Gefahr bringen.

    Der Film beobachtet Aishas Leben in Cairo in ruhigen, großartig komponierten und teilweise geradezu hypnotischen Bildern: Das laute, staubige und überfüllte Cairo, der Kontrast zwischen ihrer eigenen Wohngegend, in der sie weder Schlaf noch Sicherheit findet und den hübschen, wohlausgestatteten Wohnungen einiger Patienten oder auch die beengte, prekäre Lebensrealität der vielen aus dem Sudan geflohenen Frauen. Nach einiger Zeit wird der Film um ein surreralistisches Element ergänzt, als Aisha immer wieder ein mächtiges Straußenweibchen erscheint, das sie in bestimmten Situationen leitet oder Vorahnungen entstehen lässt. Genau wie dieses mystische Wesen, findet sie sich nicht nur in einer für sie feindlichen Umgebung wieder, sondern kann auch trotz der „Flügel“, die sie eigentlich besitzt (z.B. Intellekt, Mut, medizinische Kenntnisse) nicht einfach davonfliegen.

    Wegen der ikonischen Bilder und der immersiven Einblicke in eine mir völlig unbekannte Welt fand ich den Film äußerst sehenswert. Was aber auch bleibt, ist das Gefühl von Ohnmacht und Wut auf die Menschen, die die missliche Lage Anderer immer wieder hemmungslos ausnutzen, meist scheinbar auch ohne Konsequenzen. Auch durch diesen Aspekt ist Aisha can’t fly away ein wichtiger FIlm.

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  • Smalltown Girl

    Smalltown Girl

    Die junge Nore ist in ihrer Heimatstadt nicht nur für ihre extravaganten, selbst geschneiderten Outfits bekannt, sondern auch dafür, dass sie ständig Sex will und zwar mit so ziemlich jedem Mann, der ihr begenet. Dass dies auch schon in ihren jungen Teeniejahren der Fall war, ist auch kein Geheimnis. Sie war und ist halt die Ausnahme und betont selbst immer, dass sie halt gerne fickt und es überhaupt kein Problem gibt. Als die eher schüchterne Jonna sie eines Abends in ihrer Stammbar anspricht und ihr anbietet, bei ihr zu wohnen, entwickelt sich eine Freundschaft, die an Nores scheinbar unbeschwerter Oberfläche kratzt.

    Rezension (enthält Spoiler)

    Puh. Das war extrem verstörend. Wie schon vermutet, ist Nores extreme Promiskuität doch nicht so unproblematisch, sondern vielmehr ein Kompensationsmechanismus, der durch mehrere sehr traumatische Erlebnisse in ihrer Jugend ausgelöst wurde. Ohne dass der Film voyeuristisch wird, erfahren wir schonunglos Nores Geschichte. Die Geschichte eines offenen, warmherzigen Mädchens, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist und dabei immer wieder auf Männer trifft, die dies teils schonungslos, teils mit ambivalenten Gefühlen ausnutzen.

    So nimmt sich der Film der unsäglichen Frage an, die immer und immer wieder im medialen Raum steht (und meiner Meinung nach klar beantwortet werden kann): Kann es überhaupt konsensualen Sex mit Minderjährigen geben?

    Nores Erkenntnisprozess und die zu überwindenden Abwehrmechanismen ihrer Psyche sind kreativ umgesetzt und wirklich herzzerbrechend. Dana Herfurth spielt dabei die ambivalente Figur, die immer wieder zwischen abgebrühter Derbheit und tieftrauriger Zerbrechlichkeit schwankt, mit großer Präsenz und in fast allen Szenen sehr überzeugend. Nach meinem Empfinden konnten Luna Jordan und die anderen dabei schauspielerisch nicht wirklich mithalten. Auch die Dialoge waren manchmal einfach großartig auf den Punkt, an anderen Stellen allerdings wieder hölzern und unnatürlich. Trotzdem fand ich den Film absolut sehenswert, allerdings teils wirklich schwer zu ertragen.


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  • Schaut OmU, Leute!

    Schaut OmU, Leute!

    Auf die Gefahr hin, es mir mit einem gesamten Berufszweig zu verscherzen und mich für immer als radikalen Sprach-Nerd zu brandmarken: Hört auf, synchronisierte Filme und Serien zu schauen, wenn Ihr sehen und einigermaßen schnell lesen könnt! Es geht soo viel verloren und es wird den Originalen soo oft nicht annähernd gerecht. Warum wollt ihr euch das antun, wo es doch heutzutage eigentlich alles im Original mit Untertiteln gibt? Ich hab hier jedenfalls unschlagbare Argumente, es zumindest mal auszuprobieren 😉

    Die ganze Schauspielkunst erleben

    Ich weiß, dass es bei der Synchronisation riesige Qualitätunterschiede gibt, aber eine Sache ist sicher: So gut die Sprecherin oder der Sprecher ihre Sache auch machen, es ist nunmal nicht echt. Die Sprache macht grob die Hälfte des Schauspiels aus und die fällt dann halt einfach mal weg. Ich meine das wirklich in keinster Weise despektierlich, aber es wäre schon ein verdammter Zufall, wenn die Sprecher*innen von allen richtig guten Schauspieler*innen zufällig genauso überragend sind wie ihre Stimmvorbilder. Lachen, weinen, schreien, betrunken schwadronieren oder mit gebrochener Stimme flehen: Wenn schauspielerisch wirklich alles gegeben wird, soll man das denn alles verpassen? Und wer würde bitte z.B. in der Lage sein, die Stimme von Steve Buscemi nachzuahmen?

    Sprachkulturelle Unterschiede respektieren und erleben

    Sprachen sind außerdem extrem verschieden. Sie unterscheiden sich in Struktur, Melodie, Tonfall, Lautstärke, Wortschatz und vielen weiteren Feinheiten.

    Ist es nicht auffällig, dass die Dialoge in chinesischen, japanischen und koreanischen Filmen oft irgendwie komödiantisch wirken, obwohl sie es inhaltlich gar nicht sind? Das passiert, wenn die Sprecher*innen versuchen, die besondere „hauchende“ Sprechtechnik dieser asiatischen Sprachen nachzuahmen. Oder dass Frauen in amerikanischen Filmen so eine hohe, enthusiastische Stimme haben und der „schwarze Straßen-Slang“ immer so gequakt klingt? Den spezifischen Klang einer Sprache oder eines Akzents auf eine andere zu übertragen, hört sich bestenfalls einfach irgendwie nicht stimmig an. Schlimmstenfalls wie eine Parodie. Man kann ja mal versuchen, vor dem Spiegel einen empörten Monolog einer temperamentvollen Italienerin auf deutsch hinzubekommen. Viel Erfolg.

    Und wenn die Figuren verschiedene Akzente haben, wird es richtig knifflig. Meist werden die einfach weggelassen, obwohl sie Teil der Persönlichkeit sind. Einen Südstaaten-Farmer bayrisch sprechen zu lassen, wäre dann zwar irgendwie naheliegend, aber im Ergebnis völlig absurd. Warum sollte jemand aus Georgia bayrisch sprechen? Ihn genauso hochdeutsch sprechen zu lassen wie den Anwalt aus Boston, ist aber auch nicht besser, weil die ganze Distinktion dann im Eimer ist.

    Aber auch bei den Übersetzungen kann einiges schiefgehen. Wenn ein Amerikaner pausenlos „nun“ (well), „weißt du, was ich meine“ (you know what I mean) oder einfach „yeah“ sagt, ist das Blödsinn, weil auf deutsch niemand so spricht. Genauso sagen wir nicht dauernd „Aber ja!“ wie die Franzosen (mais, oui!).

    Running Gags, Wortspiele und Insider verstehen

    Durch dieses Internet bekommen wir ja auch außerhalb der deutschen Popkultur so einiges mit. Ist es da nicht super, wenn man mit You’re gonna need a bigger boat., Say hello to my little friend! oder Why so serious? etwas anfangen kann? Ansonsten muss man sich auf Übersetzungen verlassen, die aus Here’s looking at you, kid! dann Schau mir in die Augen, Kleines! machen. Uaaah.

    Wortspiele lassen sich in den seltensten Fällen übersetzen und das ist vor allem bei den Sitcoms der Horror. Dann werden sie entweder weggelassen und die Menschen lachen grundlos oder sie werden wörtlich übersetzt und die Menschen lachen grundlos. Aber selbst, wenn man sich Mühe gibt, ist es oft nur ein müder Abklatsch. Hier mal ein Beispiel aus Ted Lasso, der Serie mit den herzerwärmendsten Wortspielen überhaupt. Original: „Is Isaac okay?“ – „No, Mam, he is not. He’s a wigwam in a teepee right now.“ – „What does that mean?“ – „He’s too tense!“ (two tents). Deutsch: „Geht es Isaac gut?“ – „Nein, der Junge ist wie ’ne Dekompressionskammer.“ – „Was heißt das?“ – „Er steht unter Druck!“ Ha ha ha… nein.

    Automatisch Sprachen lernen

    Seitdem Netflix 2014 an den Start gegangen ist, hat mein Englisch so ganz nebenbei noch mal einen riesigen Sprung gemacht. Seit Haus des Geldes kann ich auf Spanisch nicht nur Essen bestellen und nach dem Weg fragen, sondern auch fluchen wie ein Profi und Französisch verstehe ich mittlerweile auch zu einem gewissen Teil, ohne dass ich mich je gezielt damit beschäftigt hätte. Gut, mein Farsi und Mandarin hat sich nicht wirklich verbessert, aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch 😀

  • Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi ist ein taiwanesischer Klassiker aus dem Jahr 2000, der zur Zeit in der restaurierten 4K-Fassung wieder im Kino zu sehen ist. Das 3-Stunden-Drama erzählt aus dem konfliktbeladenen Leben der Familie Jian. Den Einstieg bildet dabei die Hochzeit von A-Di und seiner hochschwangeren jungen Braut (hochgezogene Augenbrauen inbegriffen), die von A-Dis Ex-Partnerin jäh unterbrochen wird. Die dadurch verursachte Aufregung löst bei A-Dis Mutter einen Schlaganfall aus, wodurch sie ins Koma fällt und fortan in der Wohnung von ihrer Tochter Min-Min gepflegt wird. Diese nun sehr beengte Wohnung (Großmutter, Min-Min, Mann NJ, Tochter Ting-Ting und Sohn Yang-Yang) bildet die Herzkammer des Films. In ihr und aus ihr heraus folgen wir den ganz individuellen Alltagsproblemen der einzelnen Familienmitglieder. Einen Zusammenhalt gibt es kaum, jeder lebt für sich in seiner eigenen Welt und Wirklichkeit und ist damit beschäftigt, die Konflikte im Büro, in der Schule oder in der eigenen Seele zu lösen.

    Obwohl man vielleicht sagen könnte, dass der Film drei Stunden lang ziellos vor sich hin mäandert, wird es keinesfalls langweilig oder anstrengend. Die Figuren sind lebensnah gezeichnet und durchgehend mit den verschiedensten, teils außergewöhnlichen Problemen beschäftigt, was trotz der ruhigen, beobachtenden Erzählweise sogar einen gewissen Stress erzeugt. Die distanzierte Darstellung und das Fehlen einer eindeutigen Hauptfigur (wobei ich mich gedanklich am kleinen Yang-Yang eingehakt habe), machen eine Identifikation zwar schwierig, die einzelnen Themen erlauben durch ihre Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit durchaus emotionale Anteilnahme.

    Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Date-Szene zwischen Ting-Ting und „Speckbauch“. Vergeblich versucht er ihr näherzubringen, wie bereichernd es sein kann, auch ernste Filme im Kino zu schauen und sagt dabei den wundervoll wahren Satz:

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