Kategorie: Rezension

  • Das Ungesagte

    Das Ungesagte

    Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust herrschte in den meisten Familien in Deutschland vor allem Schweigen. Die Eltern wollten vergessen statt zu erzählen, die Kinder trauten sich nicht zu fragen oder hatten vielleicht auch Angst vor den Antworten. Die Dokumentation Das Ungesagte geht diesen nicht gestellten Fragen nach: Was haben die Menschen damals wahrgenommen, wie haben sie sich gefühlt, inwieweit waren sie beteiligt und wie denken sie heute über diese Zeit? In sehr offenenen, teils verstörenden, teils berührenden Interviews erzählen die Mittäter, die Mitläuferinnen und auch die Betroffenen von ihren Erfahrungen. Die Erzählungen voller Traumata, unterdrückter Schuld, schockierender Erkenntnis und tiefer Trauer gehen sehr nahe und lassen erahnen, wie es damals zu diesen schrecklichen Verbrechen kommen konnte.

    Der Film

    Der Film ist in fünf Kapitel eingeteilt. In „Die Begeisterung“ erfahren wir, wie die Nationalsozialisten mit Aufbruchsstimmung und Gemeinschaftsgefühl vor allem die jungen Leute für ihre Sache eingenommen haben. „Der Hass“ behandelt die Erinnerungen an erstes Getuschel über die jüdischen Mitbürger*innen, über Kontaktverbot zum Spielkameraden bis hin zu den zerstörten Geschäften und brennenden Synagogen. In „Der Krieg“ erzählen die Männer von ihren Kampferfahrungen und die Frauen von der Angst vor „dem Feind“ und was er ihnen antun könnte. „Das Schweigen“ zeigt uns, wie seitdem nie wieder darüber gesprochen wurde, weil die Kinder meist nicht gefragt haben und die Eltern ohnehin nichts erzählen wollten. In „Das Erbe“ sprechen die Protagonist*innen dann über ihre heutige Sicht und ihre Gefühle, wenn sie sich erinnern.

    Screening in Köln mit anschließender Diskussion

    Heute Morgen im Odeon in Köln hatte ich die Gelegenheit, mir diesen extrem wichtigen und sehenswerten Film anzuschauen. Und nicht nur das, im Anschluss war das Regie-Duo Patricia Hector und Lothar Herzog zugeschaltet um ein bisschen mehr über die Entstehung des Films zu erzählen und Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Neben der erstaunlichen Tatsache, dass die Protagonist*innen alle fast 100 Jahre alt und beeindruckend fit sind, ging es vor allem um die Frage, ob und warum Menschen, die eine Schuld in dieser enormen Dimension auf sich genommen haben, scheinbar nicht in der Lage sind, sich dies einzugestehen, ohne völlig daran zu zerbrechen.

    Können wir uns denn nicht eingestehen, dass wir es sehr wohl gewusst haben?

    Insgesamt war das alles sehr schwer zu ertragen und ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob die menschliche Psyche nicht eine fatale Fehlkonstruktion ist. Immer wieder blitzen erschreckende Erkenntisse in den Interviews durch, etwa wenn es Jakob entfährt:

    Oder wenn jemand von seinem einzigen Kampf „Mann gegen Mann“ erzählt, bei dem er den anderen erschossen hat und ihm dann einfällt, dass dieser ja auch Angehörige hatte, die nun trauern. Aber trotz dieser Momente und selbst getätigten Aussagen über Ambivalenz, Scham und unangenehme Gefühle:

    scheint es doch nie ganz ins Bewusstsein zu dringen:

    Was bleibt ist eine ratlose Verzweiflung. Warum können eigentlich „normale“ Menschen, solche Grausamkeiten begehen? Warum schaffen sie es, immer wieder wegzuschauen, wenn diese Grausamkeiten begangen werden? Wie kann man den Menschen heutzutage begreiflich machen, wie es damals passiert ist und dass gewisse Mechanismen heute schon wieder im Gange sind? Dieser Film schafft zumindest Bewusstsein, wenn er auch keine Lösung präsentieren kann – wenn es diese denn überhaupt gibt.

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  • Aisha can’t fly away

    Aisha can’t fly away

    Aisha ist eine junge Krankenpflegerin aus dem Sudan, die in Cairo lebt. Sie kann dort zwar ihren Beruf ausüben und hat sogar eine eigene Wohnung, ist aber von einem selbstbestimmten Leben weit entfernt. Ihr Arbeitgeber zahlt wenig und willkürlich und Aisha muss sich den Wünschen der Patienten widerspruchslos beugen, bis hin zu sexuellen Übergriffen, weil ihr sonst die sofortige Entlassung bevorsteht. Das Viertel, in dem sie wohnt, wird genau wie ihre Wohnung von einer gewalttätigen Gang kontrolliert, dessen Anführer sie zu Gefälligkeiten nötigt, die sie und andere in Gefahr bringen.

    Der Film beobachtet Aishas Leben in Cairo in ruhigen, großartig komponierten und teilweise geradezu hypnotischen Bildern: Das laute, staubige und überfüllte Cairo, der Kontrast zwischen ihrer eigenen Wohngegend, in der sie weder Schlaf noch Sicherheit findet und den hübschen, wohlausgestatteten Wohnungen einiger Patienten oder auch die beengte, prekäre Lebensrealität der vielen aus dem Sudan geflohenen Frauen. Nach einiger Zeit wird der Film um ein surreralistisches Element ergänzt, als Aisha immer wieder ein mächtiges Straußenweibchen erscheint, das sie in bestimmten Situationen leitet oder Vorahnungen entstehen lässt. Genau wie dieses mystische Wesen, findet sie sich nicht nur in einer für sie feindlichen Umgebung wieder, sondern kann auch trotz der „Flügel“, die sie eigentlich besitzt (z.B. Intellekt, Mut, medizinische Kenntnisse) nicht einfach davonfliegen.

    Wegen der ikonischen Bilder und der immersiven Einblicke in eine mir völlig unbekannte Welt fand ich den Film äußerst sehenswert. Was aber auch bleibt, ist das Gefühl von Ohnmacht und Wut auf die Menschen, die die missliche Lage Anderer immer wieder hemmungslos ausnutzen, meist scheinbar auch ohne Konsequenzen. Auch durch diesen Aspekt ist Aisha can’t fly away ein wichtiger FIlm.

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  • Smalltown Girl

    Smalltown Girl

    Die junge Nore ist in ihrer Heimatstadt nicht nur für ihre extravaganten, selbst geschneiderten Outfits bekannt, sondern auch dafür, dass sie ständig Sex will und zwar mit so ziemlich jedem Mann, der ihr begenet. Dass dies auch schon in ihren jungen Teeniejahren der Fall war, ist auch kein Geheimnis. Sie war und ist halt die Ausnahme und betont selbst immer, dass sie halt gerne fickt und es überhaupt kein Problem gibt. Als die eher schüchterne Jonna sie eines Abends in ihrer Stammbar anspricht und ihr anbietet, bei ihr zu wohnen, entwickelt sich eine Freundschaft, die an Nores scheinbar unbeschwerter Oberfläche kratzt.

    Rezension (enthält Spoiler)

    Puh. Das war extrem verstörend. Wie schon vermutet, ist Nores extreme Promiskuität doch nicht so unproblematisch, sondern vielmehr ein Kompensationsmechanismus, der durch mehrere sehr traumatische Erlebnisse in ihrer Jugend ausgelöst wurde. Ohne dass der Film voyeuristisch wird, erfahren wir schonunglos Nores Geschichte. Die Geschichte eines offenen, warmherzigen Mädchens, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist und dabei immer wieder auf Männer trifft, die dies teils schonungslos, teils mit ambivalenten Gefühlen ausnutzen.

    So nimmt sich der Film der unsäglichen Frage an, die immer und immer wieder im medialen Raum steht (und meiner Meinung nach klar beantwortet werden kann): Kann es überhaupt konsensualen Sex mit Minderjährigen geben?

    Nores Erkenntnisprozess und die zu überwindenden Abwehrmechanismen ihrer Psyche sind kreativ umgesetzt und wirklich herzzerbrechend. Dana Herfurth spielt dabei die ambivalente Figur, die immer wieder zwischen abgebrühter Derbheit und tieftrauriger Zerbrechlichkeit schwankt, mit großer Präsenz und in fast allen Szenen sehr überzeugend. Nach meinem Empfinden konnten Luna Jordan und die anderen dabei schauspielerisch nicht wirklich mithalten. Auch die Dialoge waren manchmal einfach großartig auf den Punkt, an anderen Stellen allerdings wieder hölzern und unnatürlich. Trotzdem fand ich den Film absolut sehenswert, allerdings teils wirklich schwer zu ertragen.


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  • Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi – A one and a two

    Yi Yi ist ein taiwanesischer Klassiker aus dem Jahr 2000, der zur Zeit in der restaurierten 4K-Fassung wieder im Kino zu sehen ist. Das 3-Stunden-Drama erzählt aus dem konfliktbeladenen Leben der Familie Jian. Den Einstieg bildet dabei die Hochzeit von A-Di und seiner hochschwangeren jungen Braut (hochgezogene Augenbrauen inbegriffen), die von A-Dis Ex-Partnerin jäh unterbrochen wird. Die dadurch verursachte Aufregung löst bei A-Dis Mutter einen Schlaganfall aus, wodurch sie ins Koma fällt und fortan in der Wohnung von ihrer Tochter Min-Min gepflegt wird. Diese nun sehr beengte Wohnung (Großmutter, Min-Min, Mann NJ, Tochter Ting-Ting und Sohn Yang-Yang) bildet die Herzkammer des Films. In ihr und aus ihr heraus folgen wir den ganz individuellen Alltagsproblemen der einzelnen Familienmitglieder. Einen Zusammenhalt gibt es kaum, jeder lebt für sich in seiner eigenen Welt und Wirklichkeit und ist damit beschäftigt, die Konflikte im Büro, in der Schule oder in der eigenen Seele zu lösen.

    Obwohl man vielleicht sagen könnte, dass der Film drei Stunden lang ziellos vor sich hin mäandert, wird es keinesfalls langweilig oder anstrengend. Die Figuren sind lebensnah gezeichnet und durchgehend mit den verschiedensten, teils außergewöhnlichen Problemen beschäftigt, was trotz der ruhigen, beobachtenden Erzählweise sogar einen gewissen Stress erzeugt. Die distanzierte Darstellung und das Fehlen einer eindeutigen Hauptfigur (wobei ich mich gedanklich am kleinen Yang-Yang eingehakt habe), machen eine Identifikation zwar schwierig, die einzelnen Themen erlauben durch ihre Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit durchaus emotionale Anteilnahme.

    Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Date-Szene zwischen Ting-Ting und „Speckbauch“. Vergeblich versucht er ihr näherzubringen, wie bereichernd es sein kann, auch ernste Filme im Kino zu schauen und sagt dabei den wundervoll wahren Satz:

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  • Der Fremde (L’Etranger)

    Der Fremde (L’Etranger)

    „Ich habe einen Araber getötet.“ Schon am Anfang irritiert der Protagonist Meursault mit seiner gefühllosen Art, als er – gerade vom Gefängniswärter in die Sammelzelle gebracht – die Frage eines Mit-Insassen, was er denn getan habe, so schonungslos nüchtern beantwortet. So wie alle anderen auch ist dieser Mann augenscheinlich arabisch, was zumindest mich hat heftig zusammenzucken lassen. In der folgenden, rückblickenden Erzählung stellt sich Meursaults Verfassung nicht anders dar. Dem Tod seiner Mutter und den vom Pflegeheim inszenierten Abschiedsritualen wohnt er ebenso stoisch bei wie der Misshandlung des Nachbarhundes und der Gewalt eines weiteren Nachbars gegen seine Freundin. Selbst in der Liebesbeziehung zu Marie bleibt er scheinbar emotional völlig kühl. Was ist er für ein Mensch und was hat ihn zu seiner Tat bewogen? Vor Gericht soll dies ergründet werden.

    Anders als wohl Camus in seinem Buch (ich habe es noch nicht gelesen) hat Ozon in seinem Film die politische Ebene etwas hervorgehoben. Graffitis deuten auf den Freiheitskampf der Algerier hin, das Desinteresse der Franzosen für „die Araber“ wird thematisiert und der Ermordete erhält einen Grabstein mit Namen. Ein Statement gegen die Kolonialisierung wird der Film dadurch nicht.

    Die beeindruckenden Schwarzweiß-Bilder übemitteln den Kontrast zwischen der trägen algerischen Sommerhitze und der Kühle des Protagonisten sehr stilvoll und machen den Film neben der faszinierenden Psychologie und der unruhigen Grundspannung auch ästhetisch zu einem echten Erlebnis. Schauspielerisch glänzt vor allem Pierre Lottin als grobschlächtiger Nachbar, wobei Benjamin Voisin in seinem Gefängnismonolog nach all der Regungslosikeit auch seinen emotionalen Aufrtitt haben darf. Die Frauenrollen geben leider nicht viel her, das man richtig zum glänzen bringen kann, das hat Camus auch nicht besser gemacht als alle anderen Männer damals. Dennoch haben Rebecca Marder und Hajar Bouzaouit im Film ein bisschen Raum für Präsenz, den sie beide überzeugend zu füllen wissen.

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  • Sorry, Baby

    Sorry, Baby

    Sorry, Baby erzählt von Agnes, einer jungen Hochschulprofessorin, die nach einem traumatischen Erlebnis versucht, ihren Alltag wieder zusammenzusetzen. Nicht durch einen radikalen Neuanfang, sondern in vorsichtigen Schritten, mit leisen Begegnungen und nicht zuletzt durch die Gesellschaft einer Katze. Vor allem letzteres ist meiner Meinung nach eine ganz ausgezeichnete Idee.

    Mich hat der Film genau wegen dieser leisen, schönen Momente so begeistert. Zwischen den Zeilen der scheinbar beiläufigen Gespräche, der Blickwechsel und beobachtenden Szenen wird die Heilungsgeschichte mit all ihren Widersprüchen fast genauer erzählt als es durch die tatsächliche Darstellung der Ereignisse möglich wäre. Das Figuren werden reduziert bis spröde gespielt und sind gerade dadurch sehr überzeugend. Ein zarter, unaufdringlicher Film mit subtil-schrägem Humor und viel unkitschigem Gefühl zwischen den Zeilen.

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  • Die, my Love

    Die, my Love

    Die, my Love erzählt von der jungen, schwangeren Grace, die mit ihrem Lebensgefährten Jackson in ein abgelegenes Farmhaus nahe seiner Familie zieht. Ihre Persönlichkeit und Seelengesundheit kollidieren dort jedoch zunehmend mit den Erwartungen an Beziehung und Mutterschaft. Vom beruflich reisenden Jackson weitgehend alleingelassen, kippen Graces Gefühle immer häufiger in unschöne Sphären: Das gemeinsam geschaffene Zuhause wird zum Gefängnis, die mütterliche Überforderung zur postpartalen Depression und die Leidenschaft in der Beziehung zu Wahn und rasender Eifersucht.

    Jennifer Lawrence trägt den Film mit ihrem radikal körperlichen und emotionalen Spiel. Ihre innere Zerrissenheit wird schmerzhaft spürbar und ist oft schwer auszuhalten. Die emotionale Spannung entsteht hier weniger aus tatsächlichen Konfliktsituationen, als aus einer permanenten inneren Unruhe, die sich auf den Zuschauer überträgt. Ein intensiver, unbequemer Film, der lange nachwirkt.

    Copyright © MUBI

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  • „Die Statik der Träume“ im BIS-Kino

    „Die Statik der Träume“ im BIS-Kino

    Es sind die Zeugen einer Rückkehr, die nie stattgefunden hat: Rohbauten, halbfertige und vollendete Häuser im Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Gebäude, die vor Jahrzehnten von „Gastarbeiterfamilien“ gebaut wurden und heute nach und nach in die Hände der Kinder übergehen. Und zwar als Komplettpaket inklusive Kindheitserinnerungen, elterlichen Träumen und allen finanziellen und organisatorischen Verpflichtungen.

    In ruhigen, beobachtenden Bildern und offenen Interviews erzählt Filippa Bauer fünf Geschichten dieser zweiten Generation, die zwischen den Kulturen aufgewachsen ist und sich nun einer vielschichtigen Entscheidung stellen muss. Zwischen Deutschland und einer erinnerten Zweitheimat, die es durch den Krieg längst nicht mehr gibt. Zwischen eigenen Prioritäten und der Aufrechterhaltung der Elternträume.

    Was auf den ersten Blick wie eine Dokumentation über ein Nischenthema wirkt, behandelt vor allem durch die feinsinnige und kluge Gesprächsführung die ganz großen Fragen des Lebens: Identität und Zugehörigkeit, Erwartungen und Loyalität, Träumen und Scheitern. Der Titel „Die Statik der Träume“ übermittelt dabei perfekt den Kontrast zwischen den fragilen und manchmal auch vagen Träumen und den unbeweglichen Betonmauern, in denen sie sich manifestieren sollten.

    Filippa Bauer und Volker Wendel im BIS Kino
    Regisseurin Filippa Bauer und Volker Wendel vom BIS-Kino

    Filippa hat uns gestern Abend im BIS-Zentrum in Mönchengladbach besucht und im Anschluss in gemütlicher Runde mit den ZuschauerInnen Fragen beantwortet und Eindrücke ausgetauscht. Vielen Dank für den interessanten Abend!

    © Dokomotive Platform e.V.
  • The Change (Anniversary)

    The Change (Anniversary)

    Die Taylors sind eine amerikanische Bilderbuchfamilie: wohlhabend, gebildet, sozial verwurzelt und liebevoll im Umgang miteinander. Diese Fassade bekommt Risse, als Sohn Josh bei der Feier zum 25. Hochzeitstag der Eltern seine neue Freundin Liz mitbringt. Mutter Ellen erkennt in der auffallend kühlen jungen Frau eine ehemalige Studentin wieder, die ihr vor Jahren in ihrem Seminar mit radikalen, antidemokratischen Thesen aufgefallen war. Inzwischen hat sie einen Bestseller mit dem Titel „The Change“ veröffentlicht, den sie selbst als „Anleitung für eine neue Weltordnung“ versteht.

    The Change erzählt vom kontinuierlichen Zerfall des demokratischen Staates, gespiegelt im Inneren der scheinbar glücklichen Familie. Was zunächst wie ein persönliches Drama wirkt, entfaltet sich zunehmend als gesellschaftliches Verhängnis: Macht- und Deutungsverschiebungen, Schweigen, Anpassung und Angst greifen ineinander und erschüttern die bis dahin stabilen Beziehungen.

    Der Film zeigt diesen Prozess mit großer Eindringlichkeit und ohne erklärenden Überbau. Gerade im familiären Mikrokosmos wird erfahrbar, wie demokratische Prinzipien erodieren können. Nicht durch einen plötzlichen Bruch, sondern durch kleine, scheinbar unauffällige Schritte. Als Zuschauer sieht man ohnmächtig zu, genau wissend, wohin das alles führen wird. Diese Kombination aus Erkenntnis und Ausgeliefertsein macht den Film zu einem beklemmenden Horrortrip, der durch die Aktualität des Themas auch nach dem Abspann keine Erlösung erfährt.

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  • A real Pain

    A real Pain

    A Real Pain begleitet zwei ungleiche Cousins, die sich nach dem Tod ihrer jüdischen Großmutter von New York aus auf eine Reise nach Polen begeben. Anfangs ein familiärer Erinnerungstrip, entwickelt sie sich zunehmend zu einer Konfrontation mit den historisch-familiären Wunden. Der Film behandelt Trauer, Schuld, Identität und Menschlichkeit, ohne dabei je pathetisch zu werden.

    Jesse Eisenberg und Kieran Culkin bilden dabei ein perfekt abgestimmtes Duo: Eisenberg spielt seine Figur kontrolliert, angespannt und oft innerlich überfordert, während Culkin mit scheinbarer Lässigkeit und brüchigem Charme emotionale Tiefe erzeugt. Gerade im Zusammenspiel entfaltet sich eine subtile Komik, die das schwere Thema aber nie verharmlost. Der Humor ist leise und verstärkt so die emotionale Wirkung. Ein kluger, berührender Film, dem perfekt gelungen ist, was Treasure vergeblich versucht hat.