Der Fremde (L’Etranger)

„Ich habe einen Araber getötet.“ Schon am Anfang irritiert der Protagonist Meursault mit seiner gefühllosen Art, als er – gerade vom Gefängniswärter in die Sammelzelle gebracht – die Frage eines Mit-Insassen, was er denn getan habe, so schonungslos nüchtern beantwortet. So wie alle anderen auch ist dieser Mann augenscheinlich arabisch, was zumindest mich hat heftig zusammenzucken lassen. In der folgenden, rückblickenden Erzählung stellt sich Meursaults Verfassung nicht anders dar. Dem Tod seiner Mutter und den vom Pflegeheim inszenierten Abschiedsritualen wohnt er ebenso stoisch bei wie der Misshandlung des Nachbarhundes und der Gewalt eines weiteren Nachbars gegen seine Freundin. Selbst in der Liebesbeziehung zu Marie bleibt er scheinbar emotional völlig kühl. Was ist er für ein Mensch und was hat ihn zu seiner Tat bewogen? Vor Gericht soll dies ergründet werden.

Anders als wohl Camus in seinem Buch (ich habe es noch nicht gelesen) hat Ozon in seinem Film die politische Ebene etwas hervorgehoben. Graffitis deuten auf den Freiheitskampf der Algerier hin, das Desinteresse der Franzosen für „die Araber“ wird thematisiert und der Ermordete erhält einen Grabstein mit Namen. Ein Statement gegen die Kolonialisierung wird der Film dadurch nicht.

Die beeindruckenden Schwarzweiß-Bilder übemitteln den Kontrast zwischen der trägen algerischen Sommerhitze und der Kühle des Protagonisten sehr stilvoll und machen den Film neben der faszinierenden Psychologie und der unruhigen Grundspannung auch ästhetisch zu einem echten Erlebnis. Schauspielerisch glänzt vor allem Pierre Lottin als grobschlächtiger Nachbar, wobei Benjamin Voisin in seinem Gefängnismonolog nach all der Regungslosikeit auch seinen emotionalen Aufrtitt haben darf. Die Frauenrollen geben leider nicht viel her, das man richtig zum glänzen bringen kann, das hat Camus auch nicht besser gemacht als alle anderen Männer damals. Dennoch haben Rebecca Marder und Hajar Bouzaouit im Film ein bisschen Raum für Präsenz, den sie beide überzeugend zu füllen wissen.

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