Thanks for Working

Seit meinen Anfängen im Berufsleben habe ich immer in nächster Nähe zur Arbeit gewohnt und habe zu Fuß, mit dem Fahrrad und manchmal auch mit dem Auto, dabei oft noch leicht verträumt, einen maximal zehnminütigen Weg zurückgelegt. Das hat sich ja am 12. Oktober schlagartig geändert.

Seit elf Wochen nun stehe ich in der Woche um 6:00 auf und trete ca. eine Stunde späte eine kleine Reise durch NRW an. Und ich muss sagen, ich bin ehrlich beeindruckt!

Ich öffne die Haustür und da liegt meine Zeitung. Jeden Tag.*

Der Vorraum der U-Bahn, die Treppe und die Gleise sind aufgeräumt und sauber, der Getränke- und Süßigkeiten-Automat ist befüllt. Jeden Tag.

Die U-Bahn kommt pünktlich. Jeden Tag.

Ich gehe in den Bahnhof, und die kleine Frau mit dem braunen Pferdeschwanz und der große, dünne, dunkelhäutige Mann verkaufen freundlich Brötchen und Kaffee an die ganzen anderen Menschen, die auch so früh schon unterwegs sind. Jeden Tag.

Ich gehe hoch zum Gleis und die Bahn 1 kommt maximal fünf Minuten zu spät. Jeden Tag. Außer zweimal.

In Duisburg steige ich aus und gehe in den Bahnhof, wo eine andere Frau mit braunem Pferdeschwanz Schnitzel, Würste und Frikadellen brät. Wer auch immer morgens sowas essen möchte. Jeden Tag.

Ich gehe zum Gleis und warte auf Bahn 2, die immer pünktlich da ist. Jeden Tag. Außer zweimal.

In Mönchengladbach gehe ich runter in den Bahnhof und sehe den Blumenmann und seine Frau, die in ihrem Laden stehen. Jeden Tag.

Draußen liefern Menschen in LKW Waren an. Menschen warten auf Ihren Bus. Die Bäckerei-Frau im fast leeren Vituscenter verkauft tapfer Brötchen und jemand fegt oder streut die Bürgersteige. Jeden Tag.

Dann kommt pünktlich mein Bus, der mich zur Arbeit bringt. Jeden Tag. Außer zweimal.

Die Republik tickt wie ein Schweizer Uhrwerk, jeder ist an seinem Platz und macht seinen Job. Ich finde das wirklich faszinierend. Einerseits ist es wohl das Gegenteil vom freien, unabhängigen Leben, dass sich die Menschen in ihren Herzen so wünschen. Andererseits bin ich sehr dankbar, dass ich mich auf das Ganze so verlassen kann. Und so erscheint es mir gar nicht roboterhaft und abstoßend, sondern eher rührend. Manchmal möchte ich jedem einzelnen sagen „Toll, dass du das immer so machst hier!“

* Es sei denn, mein Nachbar hat sie geklaut. Das finde ich auch beeindruckend, aber auf eine andere Art.

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2 thoughts on “Thanks for Working”

  1. In meiner Berliner Zeit (also vor mehr als 10 Jahren) war ich auch jeden Tag mit S- und U-Bahnen unterwegs. Da sass ein Typ, ärmlich – heut würde man „Ah, 1-Euro-Jobber“ sagen – vor dem Bahnhof und verkaufte Zeitungen. Oft griff ich zu, ich hatte ja einige Zeit im Zug zu sitzen.

    Eines Tages komm ich ewig klammer Student wieder vorbei, wühl in meinen Taschen und sag zu ihm „Sorry, heut nicht – ich hab nicht einmal die Mark für die Zeitung.“ Er drückt mir dennoch eine Zeitung in die Hand und erklärt: „Dann zahlst Du eben morgen.“

    Keine Quittung, kein kritisches Mustern, keine Frage nach dem Namen, einfach Vertrauen – obwohl er SICHER nix zu verschenken hatte. Natürlich gab ich ihm am nächsten Tag das Geld, aber ich denk, er hätte mich auch nicht angesprochen, wenn ichs nicht getan hätt, denn an diesem Bahnhof kamen tägliche Tausende vorbei.

    Klar, auch im Auto fallen einem manchmal arbeitende Menschen auf, z.B. die Kieberer, wenn sie mitten im Berufsverkehr wieder Kontrollen durchführen. Aber man sieht wirklich mehr von der Welt, wenn man mal auf das bequeme Auto verzichtet.

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