Eine Schule für alle

Bis Sonntag Morgen beim Zähneputzen habe ich immer gedacht, das sei eine ziemlich fragwürdige Idee. Vor allem aus meiner sehr egozentrischen, oder nennen wir es ruhig egoistischen Sichtweise. Aufgrund partieller Überflieger-Qualitäten habe ich mich jahrelang in Deutsch und Englisch ziemlich gelangweilt. Und mein Gedanke war immer „Wäre das kein Gymnasium gewesen, hätten wir noch langsamer machen müssen, hätte ich uns noch mehr gelangweilt!“

Am Sonntag machte es allerdings laut Klick in meinem Kopf, als ich mir das Szenario mal wirklich vor Augen führte. Das war sicher Rita Süssmuths „Schuld“ und die ihrer wirklich beeindruckenden Rede zur Bildungspolitik. Ich sah mich also mit 14 in solch einer „heterogenen Lerngruppe“ und siehe da, ich langweilte mich nicht. Vielmehr saß ich bei einem Klassenkameraden am Platz und half ihm bei der gestellten Aufgabe. Und lernte ihn dadurch besser kennen. Und wiederholte nebenbei den Stoff, der sich durch das Erklären in meinem Kopf festigte. Und entwickelte meine soziale Kompetenz. Und dann dachte ich noch weiter. Die Überflieger-Qualitäten waren ja nur partiell! Die 14-Jährige, die mit großen leeren Augen und fingernagelkauend, weil verunsichert und beschämt in Geschichte, Physik und Mathe saß, habe ich bisher immer ausgeblendet. Wie das wohl gewesen wäre, wenn sich da einer zu mir gesetzt hätte, um mir zu helfen? Wie hätte ich dann wohl über diesen komischen Jungen gedacht, der so gut in Mathe und Physik war und mit dem ich nie ein Wort gesprochen habe, bis ich ihn letztes Jahr mal an der Tankstelle getroffen habe?

Ich hab‘ meine Meinung geändert. Für mich ist es leider zu spät, aber nicht für jede Menge andere Kinder. Schade, dass so viele Menschen das Ganze völlig falsch verstehen und einen sozialistischen Gleichschritt befürchten und meinen, dass alle zum gleichen Abschluss getrieben werden, der sich am untersten Niveau orientiert. Dabei geht es doch gerade darum, die Kinder nicht im Gleichschritt zum Abschluss zu treiben, sondern individuelle Potentiale zu erkennen und zu fördern. Und ihnen länger die Chance zu geben, sich zu entwickeln und ihre Interessen zu wecken, statt sie mit zehn Jahren aufs Abstellgleis auf die Hauptschule zu schicken.

Und falls jetzt jemand nach dem Geld fragt, es gäbe da z.B. in NRW 42 Millionen, die könnte man mal dafür einsetzen, wäre ja ein Anfang…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.