Herzlichen Glückwunsch, Lebensmittel-Lobby!

Das EU-Parlament hat die Lebensmittel-Ampel gekippt! Dies ist vor allem wieder einmal ein Sieg für die großen Lebensmittel-Konzerne. Die jetzt auch weiterhin damit Geld verdienen, uns Dinge vorzutäuschen, die nicht den Tatsachen entsprechen.

Aber ein paar Sätze vorweg. Ich verstehe die Argumentation, dass jeder Mensch selbst in der Lage sein muss, sich zu überlegen, ob ein Lebensmittel gesund ist oder nicht. Ich will auch keine Armee von Nicht-Denkern, die blind auf irgendwelche Zeichen und Siegel achten. Auch will ich nicht bestreiten, dass es sonnenklar ist, dass eine Tafel Schokolade, eine Tiefkühlpizza und eine Flasche Cola kein gesundes Abendessen darstellen. Mir geht es um die Feinheiten der Kommunikation. In manchen Bereichen ist Lügen unter dem Namen „Betrug“ verboten. In anderen Bereichen wird der Begriff „Lüge“ gedehnt wie ein ausgeleiertes Gummiband.

Warum darf die von mir so gehasste Firma N**** auf ihr zuckriges Frühstücks-Produkt aus marketing-technischen Gründen „Fitness“ draufschreiben und eine unglaublich schlanke Frauen-Silhouette daneben abbilden? Warum darf auf Schokolade „himmlich joghurt-leicht“ stehen, wenn sie in Wirklichkeit noch mehr Kalorien hat als ganz normale Schokolade? Warum muss man nur Serviervorschlag schreiben und darf ungehindert lauter frische leckere Dinge abbilden, die im Produkt überhaupt nicht als Zutaten enthalten sind?Bin ich wirklich so dumm und unmündig, wenn ich denke, dass in Tomatensauce Basilikumblätter, Pinienkerne und Olivenöl drin sind, wenn genau diese Dinge auf dem Glas prangen? Muss ich wirklich jedes einzelne Produkt umdrehen und studieren, weil es erlaubt ist, dem Konsumenten frei und phanatsievoll zu suggerieren, was ihn bestmöglich zum Kauf verleitet?

Dies alles könnte ein wenig wieder ins rechte Licht gerückt werden, wenn auf den betreffenden Produkten wenigstens ein knallrotes, abschreckendes Symbol bei Zucker, Fett und/oder Salz prangen würde. Aber das würde ja die schöne, heile Werbe-Welt kaputt machen. Vielmehr schreibt die beschlossene Kennzeichnung (GDA) nun vor, dass die (von den Firmen frei wählbare) Prortionsgröße den Kalorien-, Zucker-, Fett- und Salzgehalt in % vom (meines Erachtens zu hoch gewählten) Tagesbedarf angegeben ist.

Eine Portion Früchte-Müsli vom Discounter A*** soll also laut Kennzeichung 40g sein. Die vom Mate und mir in der Regel gefrühstückte Menge beträgt 100g, ich habe es gewogen. Bei diesen 100g handelt es sich um ein zu ca. 2/3 gefülltes, unter dem Namen „Frühstücksschüssel“ gekauftes Behältnis. Was sind wir nur für eklige Vielfraße, dass wir täglich die zweieinhalbfache Menge der „normalen Portion“ essen?

Anderes Beispiel ChocoCrossies. Die Portion wird, wenn ich mich recht erinnere mit 5 Stück angegeben. Also ich esse so eine Packung in ca. 15 Minuten auf. Beide Tütchen. Und wenn dies geschehen ist, finde ich unter den Tütchen einen Spruch wie „Huch! Sind sie da, sind sie weg“. Daran kann man natürlich deutlich erkennen, dass der Hersteller meint, man braucht mehrere Tage, um die Packung leer zu essen.

Was den Tagesbedarf angeht, verhält es sich ähnlich seltsam. Der ist z.B. für eine erwachsene Frau mit 2.000 Kcal angegeben. Ich habe auf meinem iPhone spaßeshalber eine Kalorien-App, die mir je nach Bewegungsgrad zwischen 1.400 und 1.800 Kalorien am Tag erlaubt. An die halte ich mich auch ungefähr. Aus der Tatsache, dass ich weder nennenswert zu- noch abnehme, schließe ich nun, dass dieser Wert korrekt ist. Was passieren würde, wenn ich täglich 2.000 Kalorien zu mir nehme, möchte ich nicht ausprobieren. Ich kann es mir aber denken. Neue Jeans müssten her!

Wenn ihr mich fragt, das ganze ist einfach unverschämte Verarsche, um die lukrativen Produkte nicht als das zu entlarven, was sie wirklich sind: Ungesundes Zeugs, das doppelt so teuer ist wie selbstgekochtes, viel gesünderes Essen. Nicht zuletzt, weil die Werbung mitbezahlt werden muss, die diese Tatsache so raffiniert verschleiert.