Kinojahr 2025

153 mal „Licht aus, Vorhang auf“

Das war ein neuer Rekord und an dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen wirklich unendlichen Dank an Cineville senden, das unser Hobby letztes Jahr plötzlich so viel erschwinglicher gemacht und damit auf ein noch verrückteres Level gehoben hat.

Ich habe mich an einer Top 10 versucht, es aber sofort als völlig unmögliche Aufgabe wieder verworfen. Was ich so gerade zustande bringen kann, sind meine sehenswertesten Filme ohne Ranking:

Für die großartigen Bilder, die rührende Mission des Jungen und die differenzierte Darstellung der Auswirkungen, die politische Ereignisse auf Familien und Dorfgemeinschaft haben.

Für die behutsame Darstellung der Erinnerungskultur in all ihren Facetten und das großartige subtil-humorige Duo Eisenberg/Culkin.

Für eine der verletzlichsten Szenen, die ich je von einer Schauspielerin gesehen habe und die absolut unkitschige, differenzierte Darstellung von den Höhen und Tiefen der Liebe.

Insgesamt war das schon ein gutes Kinojahr, wenn mir auch der ganz klare Favorit fehlt, der mich völlig umgehauen hat. Dafür gab es aber viele Momente, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben werden.

Der kälteste Schauer lief beim Einstieg von Warfare über den Rücken, als die Jungs sich vollgepumpt mit Adrenalin zu „Call on me“ auf ihren Kriegseinsatz freuen wie auf eine Jungegesellenfahrt nach Mallorca. Bei The Change hörten die Schauer hingegen gar nicht mehr auf. Das war für mich der wahre Horrorfilm des Jahres, so realistisch wie diese Bedrohung heutzutage erscheint und so ohnmächtig, wie man dabei scheinbar zuschauen muss. Aber auch das wurde noch getoppt von Sirāt. Hier haben Menschen entsetzt das Kino verlassen und verdenken kann ich es ihnen nicht. Ein unfassbar großartiger Film – aber nur, wenn man wirklich einiges aushalten kann.

Von Heldin Leonie Benesch und ihrer minutiös getakteten Nachtschicht im Krankenhaus konnte ich keine Sekunde die Augen lassen – und das, obwohl es der 39. und damit letzte Film der diesjährigen Berlinale war. Mindestens genau so beeindruckend hat sich Jennifer Lawrence in Die, my Love ihre Seele aus dem Leib gespielt und damit meine in Aufruhr versetzt. Ganz anders, aber nicht weniger überwältigend war die Performance von Trine Dyrholm in Beginnings. Mir fällt kaum jemand ein, der sich auf der Leinwand so schmerzhaft überzeugend verletzlich zeigen kann. Wie es Mutter und Die jüngste Tochter am Küchentisch schaffen, das Unsagbare zwischen sich zu klären, hat mich auch extrem gerührt. Das gilt ebenso für Sorda, wo eine ganz andere Art von Sprachlosigkeit überwunden wurde.

Lieber nicht gesehen bzw. gewusst hätte ich, was Soldaten des Lichts mir an Dreistigkeit, Verantwortungslosigkeit und Realitätsferne gezeigt hat. Aber weggucken ist ja noch nie eine Lösung gewesen. Ebenso weiß ich nicht, ob in Das Verschwinden des Josef Mengele dessen grausame Taten so plastisch dargestellt werden mussten. Auch die Verhältnisse, in denen die Kids in Bird aufwachsen, hatte ich mir in einem „westlichen Land“ so nicht vorstellen können.

Den Hype nicht verstanden habe ich bei Bugonia, vielleicht war es aber auch einfach ein bisschen viel Lanthimos in den letzten Jahren. Dafür war Kill the Jockey wohl die amüsanteste Überraschung des Jahres. Der hat mich ungefähr so gut unterhalten, wie ich es von The Phoenician Scheme erwartet hatte. Aber meh. Genau wie bei Lanthimos habe ich bei Wes Anderson nur noch das Gefühl, dass mit Starbesetzung die eigene Schrägheit abgefeiert wird, ohne neue Ideen einzubringen.

Ohnmächtig und wütend auf die Welt und die Menscheit bin ich aus L‘ Histoire de Souleymane und To a Land Unknown rausgegangen. Oder anders gelagert aus Veni, vidi, vici und Wunderschöner. Im Prinzip Familie und Die zärtliche Revolution bewirkten aber genau das Gegenteil. Es gibt sie, die guten Menschen und guten Geschichten.

Bei Was Marielle weiß habe ich am meisten gelacht („Rauchen ist mit dir eh langweilig!“), was bei meiner Filmauswahl allerdings ohnehin selten vorkommt. Jedenfalls sind Julia Jentsch und Felix Kramer ein großartig-komödiantisches Paar! Und ja, auch Leonardo DiCaprio ist einfach urkomisch, wie er in One Battle after Another versucht, den letzten Tropfen Konzentration aus seiner bekifften Birne zu quetschen oder tapfer seine toxisch-männlichen Instinkte bekämpft, weil er doch eigentlich so ein cooler, woker Dude ist. Ziemlich unterwältigt war ich allerdings von Colman und Cumberbatch, die mich als böse zerstrittenes Ehepaar in The Roses leider nur gelangweilt haben.

Dann gab es leider auch wie immer Filme, bei denen ich lieber das Klo geputzt oder an die Wand gestarrt hätte, statt mir das Elend auf der Leinwand anzuschauen. Mother’s Baby mit seiner großartigen Idee, aber völlig kruden Umsetzung liegt hier ganz vorne oder auch Der Wald in mir. Nichts hat mich allerdings so sehr zum Fremdschämen gebracht, wie die „Die Welt ist mein Spielplatz“-Influencer-Party Yabadu. Auch wenn ich den beiden ganz ehrlich alles Glück dieser Welt wünsche, würde ich diesen Film gerne aus meinem Gedächtnis streichen. Das Schlusslicht des Jahres bildet für mich aber eindeutig The Klimperclown. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Helge Schneider – unabhängig davon, ob man seinen Humor nun mag oder nicht – ein sehr intelligenter, kreativer Mensch und begnadeter Musiker ist. Aber warum hat er nichts davon in diesen Film gesteckt?

Gerne für immer behalten möchte ich allerdings diese leisen, zwischenmenschlichen Herzmomente, wie sie in A real Pain oder Sorry, Baby vorkommen. Für kleine, unkitschige Glücksmomente, die ich sammeln kann, bin ich immer sehr dankbar <3



Veröffentlicht in