Privat-Lobbyisten an den Urnen

Ich bin echt traurig überrascht. Viele Menschen, die ich gerne mag und die intelligent und informiert sind, wählen immer nur das, was für sie ganz persönlich am besten ist. Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage habe ich festgestellt, dass diese Menschen auch noch in der Überzahl sind. Ich bin pikiert. Hätte ich den meisten von ihnen doch zugetraut, nicht an sich selbst, sondern an die Menschen in Deutschland allgemein zu denken. Oder an die Sicherung der Zukunft, bezogen auf Umwelt, Bildung usw. Ist aber gar nicht so. Und es hört sich ungefähr so an:

  • „Ich als Selbstständige muss doch die FDP wählen!“
  • „Ich kann nur die SPD wählen, mein Vater ist Bergmann gewesen.“
  • „Natürlich wähle ich die Piraten. Ich habe in einer Firma gearbeitet, die meine Daten gespeichert hat.“
  • „Ich wähle die Grünen, weil die die Straße hinter meinem Garten verhindern wollen.“
  • Ich wähle die CDU, weil der XY im Rat ist und mit mir Tennis spielt.

Tja, da war ich mal wieder ein wenig naiv. Ich wähle zur Zeit die Grünen, weil ich ihnen am meisten zutraue, dafür zu sorgen, dass wir auf lange Sicht in einem lebenswerten Land leben. Und zwar alle zusammen. Denn mir persönlich geht es glaub‘ ich immer gut, egal wer gerade regiert.

Schade, dass scheinbar so viele das anders sehen.

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8 thoughts on “Privat-Lobbyisten an den Urnen”

  1. Leut die aus Egoismus handeln sind mir aber noch lieber als die, die aus Bequemlichkeit zum Denken auf die dümmsten Parolen hereinfallen.

    Egoismus ist übrigens _DIE_ Triebfeder des Kapitalismus als Wirtschaftssystem. Es ist kein Zufall, dass der OpenSource-Bewegung „unamerikanisches Verhalten“ von Seiten diverser kommerzieller Software-Anbieter vorgeworfen wird. Wer ganz uneigennützig „höheren“ Interessen folgt, macht sich fanatismusverdächtig. Und nein, ich will all die vielen Strömungen nicht in einen Topf werfen, wär Äpfel mit Birnen vergleichen.

    „Als Selbstständige FDP wählen!“ => im Orts-/Landesverband vielleicht sogar sinnvoll
    „Piraten, weil Datensauereien“ => für mich verständlich und nachvollziehbar

    Lass Dich nicht zu sehr von anderen runterziehen. Als Grüne wirst Du vermutlich Dein Leben lang gegen eine Mehrheit zu kämpfen haben, die Deinen Standpunkt nicht versteht. Du wirst Dich von Leuten umringt sehen, die jeden Meter mit dem Auto fahren und über die ach so hohen Benzinpreise meckern, die billigen Strom wollen, aber bitte kein Endlager im Garten, die Feinstaub für übertrieben halten, aber über Ärztepfusch meckern, wenn mal jemand erstickt, die für die BILD-Zeitung jeden Monat iTunes-Gebühren zahlen, aber sich über das Niveau des ÖR aufregen, die auf den Autobahnen über die vielen Laster meckern, aber im Winter billige Erdbeeren aus Ägypten brauchen.

    „Das Recht auf Dummheit gehört zur freien Entfaltung der Persönlichkeit“ [Mark Twain]

  2. „wählen immer nur das, was für sie ganz persönlich am besten ist“. Oder das was sie dafür halten 🙂

    Mal ganz im Ernst: Viele Leute, was man auch an der schlechten Wahlbeteiligung sieht, haben gar kein Interesse an Politik und an langfristigen Entwicklungen. Was dann halt übrig bleibt, sind akute Interessen.
    Meine These dazu: Das ist nicht angeboren, das ein hausgemachtes Problem in Deutschland. Man darf zwar alle paar Jahre wählen gehen, aber im Nachhinein kann man seine Stimme nicht widerrufen, wenn die gewählten Politiker das machen, „was sie wollen“. Diese Ohnmacht wird, wenn das häufig genug vorkommt, zum Frust, womit die Wähler lieber eine andere Partei wählen oder gar nicht mehr wählen gehen, weil sie meinen, sie können ja sowieso nichts ändern.

  3. für mich ist das durchaus ähnlich. ich will eine gute arbeitslosenpolitik, da ich vielleicht irgendwann davon betroffen bin. ich will eine bezahlbare und gute medizinische versorgung. ich will einen kindergartenanspruch, weil ich irgendwann mal kinder habe. ich will das die mineralöl steuern so bleiben, weil ich will das die luft besser wird. ich will mehr windkraftanlagen damit ich nicht immer ein mulmiges gefühl haben muss wenn ich nen kernkraftwerk sehe… es gibt viele persönliche gründe die auch der gesellschaft als ganzes helfen. weil ich ja ein teil dieser gesellschaft bin.

    und das man die FDP wählen muss weil man selbstständig ist? jeder der sich ma ansieht was die FDP abseits ihres zugeschrieben profils so macht, sollte es besser wissen. auch die anderen wollen den firmen nichts böses (naja, ausser die linke die RWE enteignen will).

    wenn jemand SPD wählt, weil der Vater bergmann war… naja, dem ist auch nicht mehr zu helfen. genau wie dem tennis menschen. wie auch den anderen leuten die sich scheinbar 0 mit inhalten auseinander setzen. ein flyer mit den groben umrissen des programms oder ein wahl-o-mat sollte man aber bedienen können. staatsbürgerliche pflicht. genau wie wählen für mich.

    auch wenn sich die anderen nicht mit ruhm bekleckert haben, so ist datenschutz doch nicht nur bei den piraten zu finden. und mal unter uns: es gibt mehr als datenschutz auf der welt. und da sind die piraten doch eher nicht so gut aufgestellt. sie sind eine klientelpartei mit ausrichtung auf ein thema. für mich nichts womit man regieren kann. ich möchte nicht nur von einer horde männer regiert haben. und wenn das heißt das es eine frauenquote geben muss, her damit.

    grüne wählen weil man die straße hinterm haus nicht haben will? nunja, sehe ich nicht so tragisch. ich wähle die grünen ja dann auch weil sie auf mich und meine probleme eingehen. und wenn das sonst niemand macht, warum die dann nicht deswegen wählen? für mich ist das kein falscher grund. ich will meine stimme in der politik gut angelegt wissen und meine überzeugungen auch für die gesellschaft gut vertreten wissen.

    ich habe SPD gewählt weil ich weiß das meine überzeugung für die gesellschaft das beste ist. völlig egoistisch. 🙂

  4. Da hättest du ja auch „ElJoel“ fragen können, denn der hätte dir sicherlich etwas über die verschiedenen Ansätze zur Erklärung des WählerInnenverhaltens erzählen können.

    Es gibt viele verschiedene Ansätze, zum Erklären des WählerInnenverhaltens:

    Dazu gehört u.a. eine hohe Identifikation mit einer Partei, ein Problembewusstsein und eine damit Verbundene Zuweisung der (vermuteten) Lösungskompetenz zu einer der Parteien/Personen (Problem: Vom Menschen verursachter Klimawandel –> Lösungskompetenz wird bei den GRÜNEN vermutet); Die bloße Zugehörigkeit zu einer sozialökonomischen Gruppe (Kohlenpott = SPD-Wähler), Religionszugehörigkeit; usw.

    Es sind also viele verschiedene Faktoren (meist auch eine Mischung aus verschiedenen Faktoren), welche die Wahlentscheidung beeinflussen können.

    Würdest du deine „nicht ganz repräsentative“ Umfrage also erweitern, müsstest du auch auf WählerInnen treffen, die ihre Wahlentscheidung nicht „nur“ nach ökonomischen Gründen (rational choice Ansatz) ausrichten.

    Persönlich finde ich das von dir beschriebene Verhalten nicht so schlimm, solange demokratisch gewählt wird! Denn schließlich bedeuten weder CDU/SPD/GRÜNE noch FDP einen „Beinbruch“!

  5. @Daniel: Auf lokaler Ebene kann die FDP durchaus für Selbstständige eine Option sein, kommt auf die Art der Selbstständigkeit an, auf das Talent der/des zur Wahl stehenden FDP-Politikers und auf das Talent der politischen Gegner.

    BWL != VWL. Was ein BWLer lernt ist die kleine Welt eines einzelnen Unternehmens, und in dieser Welt sind niedrige Steuern, ein neuer Autobahn-Anschluss oder ein lächerlich geringer Tarif-Vertrag mit einer Pseudogewerkschaft genau das, was Guido & Co sagen: Ein Wettbewerbsvorteil. Teilweise kann das über das Überleben des Geschäftsbetriebs entscheiden.

    Wer allerdings das Staatswohl im Auge hat, muss Nebeneffekte berechnen: niedrige Löhne für alle zerstören die Binnenkaufkraft, harte Auflagen sind keine Wettbewerbsvorteile, wenn die Spielregeln für alle gelten, Menschen sind durchaus GEGEN Steuererleichterungen, wenn sie sehen, was mit wegfallenden Steuern alles nicht mehr finanzierbar ist. Ausgaben in Forschung und Entwicklung entscheiden über die Zukunft des Standortes Europa, der Euro ist nur soviel Wert wie die Finanzmärkte ihm zubilligen, Elektroautos fördern macht wenig Sinn, solang der Strom aus Kohle- und Kernkraftwerken kommt und Batterien unnütz geladen werden, weil das Teil eh nur in der Tiefgarage herumsteht…

    Heutzutage erwarte ich von JEDEM Politiker Wirtschaftskompetenz. Nicht jede(r) muss Fachfrau/Fachmann sein, aber ein gesundes Grundverständnis sollten sie alle haben, von den Linken bis hin zum CSU-Krakeler der Woche. Die FDP hätte durchaus Themen, mit denen sie punkten könnte: Liberales Europa, ein Wirtschaftsmodell, welches nicht Deutschlands Exportwirtschaft auf Kosten Südosteuropas aufbaut, Technologie-Förderung, Grundrechte, Ideen zum Rückbau der staatlichen Kontrollwut… Leider ist davon eben NIX zu sehen: Steuersenkungen allein ist kein Konzept, sondern eine Religion, das Verbandeln von Entwicklungshilfe mit Militär (Niebel), das Zusammenführen von Aussenpolitik mit Wirtschaftspoltik (Westerwelle) und die Hilflosigkeit aus dem Wirtschaftsministerium (Brüderle zur Euro-Krise, da wird einem ja himmelangstundbange, wie der argumentiert) – nein, DAS ist abschreckend und KEINE gute Politik.

    Wie genau die FDP die letzten Jahre NRW regiert hat kann ich von aussen nicht sagen, allein für die bundespolitischen Aktionen gehört sie aber AUCH von Selbstständigen abgestraft, ganz abgesehen von persönlichen Beliebtheitspunkten der Politiker.

    „Selbstständig = FDP-Wähler“ _kann_ durchaus sinnvoll sein, bei dieser Bundes-FDP und dem Gedanken an eine Regierung über 80Mio Menschen ist es das aber nicht.

  6. @tigger: Klar ist das teilweise nachvollziehbar und logisch. Aber halt auch so furchtbar egoistisch. Ich finde es z.B. total unsinnig, die Piraten zu wählen. Von mir aus sind halt sie keine 1-Themen-Partei mehr, aber dafür Millionen Meilen davon entfernt, regieren zu können. Das halte ich für eine verschwendete Stimme, ehrlich gesagt. Auch wenn man damit ein Zeichen setzen kann. Aber wir haben tatsächlich wichtigere Probleme als Datenschutz usw.

    @joachim: Stimme wieder wegnehmen wär eigentlich ’ne super Sache. Aber dafür sind die Leute in Deutschland bestimmt zu negativ und zu ungeduldig. Das würde wahrscheinlich dazu führen, dass alle vier Wochen neu gewählt werden muss 😉 Aber eine Bestrafung von Wahlkampflügen wünsche ich mir auch.

    @daniel: Ich sag‘ ja, es sind viele! 😉 Den letzten Satz lass ich gelten, man kann ja gar nicht aus seiner persönlichen Ecke raus. Aber es ist halt wichtig, ob da ein „Hauptsache, mir geht’s gut, die anderen sind mir egal“ mitschwingt.

    @marc: Mit ElJoel werde ich sicher noch ausführlich darüber diskutieren. Und ein Beinbruch ist das natürlich nicht. Obwohl die FDP… 😉 Ich bin halt einfach erschrocken über diesen Egoismus. Menschen, die alles haben, was man zum Leben braucht, plus eine Menge Komfort und Spaß, sollten meiner Meinung nach nicht wählen, was Ihnen noch ein wenig mehr Bonus verschafft, wohlwissend, dass es anderen dann noch schlechter geht als jetzt 🙁

  7. Naja, die Strafe kommt für die Politiker dann meistens 4 Jahre später…im besten Falle. Manchmal helfen aber auch nette medienzentrierte Auftritt um das noch vorher abzuwenden. Egal.

    Was mich vor allem aufregt sind die Menschen, die nicht über den Tellerrand blicken und nur in Klischees denken. Dann gibt es ein: „Wir müssen sofort raus aus Afghanistan…“ (weil ein Hals-über-Kopf-Abzug auch total sinnvoll wäre), noch schöner ist: „Ne, Grüne wähl ich nicht, das ist doch die Lehrerpartei! Außerdem will ich nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Wenn du Wahlkampf für die machst, komm ich und bewerf dich mit Biomüll“. Witzig. Nicht.
    Dann hinterfragt man die Positionen und bekommt zu hören man wäre gegen Atomenergie, wählt aber die CDU. Kopfschütteln galore.

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