Schaut OmU, Leute!

Auf die Gefahr hin, es mir mit einem gesamten Berufszweig zu verscherzen und mich für immer als radikalen Sprach-Nerd zu brandmarken: Hört auf, synchronisierte Filme und Serien zu schauen, wenn Ihr sehen und einigermaßen schnell lesen könnt! Es geht soo viel verloren und es wird den Originalen soo oft nicht annähernd gerecht. Warum wollt ihr euch das antun, wo es doch heutzutage eigentlich alles im Original mit Untertiteln gibt? Ich hab hier jedenfalls unschlagbare Argumente, es zumindest mal auszuprobieren 😉

Die ganze Schauspielkunst erleben

Ich weiß, dass es bei der Synchronisation riesige Qualitätunterschiede gibt, aber eine Sache ist sicher: So gut die Sprecherin oder der Sprecher ihre Sache auch machen, es ist nunmal nicht echt. Die Sprache macht grob die Hälfte des Schauspiels aus und die fällt dann halt einfach mal weg. Ich meine das wirklich in keinster Weise despektierlich, aber es wäre schon ein verdammter Zufall, wenn die Sprecher*innen von allen richtig guten Schauspieler*innen zufällig genauso überragend sind wie ihre Stimmvorbilder. Lachen, weinen, schreien, betrunken schwadronieren oder mit gebrochener Stimme flehen: Wenn schauspielerisch wirklich alles gegeben wird, soll man das denn alles verpassen? Und wer würde bitte z.B. in der Lage sein, die Stimme von Steve Buscemi nachzuahmen?

Sprachkulturelle Unterschiede respektieren und erleben

Sprachen sind außerdem extrem verschieden. Sie unterscheiden sich in Struktur, Melodie, Tonfall, Lautstärke, Wortschatz und vielen weiteren Feinheiten.

Ist es nicht auffällig, dass die Dialoge in chinesischen, japanischen und koreanischen Filmen oft irgendwie komödiantisch wirken, obwohl sie es inhaltlich gar nicht sind? Das passiert, wenn die Sprecher*innen versuchen, die besondere „hauchende“ Sprechtechnik dieser asiatischen Sprachen nachzuahmen. Oder dass Frauen in amerikanischen Filmen so eine hohe, enthusiastische Stimme haben und der „schwarze Straßen-Slang“ immer so gequakt klingt? Den spezifischen Klang einer Sprache oder eines Akzents auf eine andere zu übertragen, hört sich bestenfalls einfach irgendwie nicht stimmig an. Schlimmstenfalls wie eine Parodie. Man kann ja mal versuchen, vor dem Spiegel einen empörten Monolog einer temperamentvollen Italienerin auf deutsch hinzubekommen. Viel Erfolg.

Und wenn die Figuren verschiedene Akzente haben, wird es richtig knifflig. Meist werden die einfach weggelassen, obwohl sie Teil der Persönlichkeit sind. Einen Südstaaten-Farmer bayrisch sprechen zu lassen, wäre dann zwar irgendwie naheliegend, aber im Ergebnis völlig absurd. Warum sollte jemand aus Georgia bayrisch sprechen? Ihn genauso hochdeutsch sprechen zu lassen wie den Anwalt aus Boston, ist aber auch nicht besser, weil die ganze Distinktion dann im Eimer ist.

Aber auch bei den Übersetzungen kann einiges schiefgehen. Wenn ein Amerikaner pausenlos „nun“ (well), „weißt du, was ich meine“ (you know what I mean) oder einfach „yeah“ sagt, ist das Blödsinn, weil auf deutsch niemand so spricht. Genauso sagen wir nicht dauernd „Aber ja!“ wie die Franzosen (mais, oui!).

Running Gags, Wortspiele und Insider verstehen

Durch dieses Internet bekommen wir ja auch außerhalb der deutschen Popkultur so einiges mit. Ist es da nicht super, wenn man mit You’re gonna need a bigger boat., Say hello to my little friend! oder Why so serious? etwas anfangen kann? Ansonsten muss man sich auf Übersetzungen verlassen, die aus Here’s looking at you, kid! dann Schau mir in die Augen, Kleines! machen. Uaaah.

Wortspiele lassen sich in den seltensten Fällen übersetzen und das ist vor allem bei den Sitcoms der Horror. Dann werden sie entweder weggelassen und die Menschen lachen grundlos oder sie werden wörtlich übersetzt und die Menschen lachen grundlos. Aber selbst, wenn man sich Mühe gibt, ist es oft nur ein müder Abklatsch. Hier mal ein Beispiel aus Ted Lasso, der Serie mit den herzerwärmendsten Wortspielen überhaupt. Original: „Is Isaac okay?“ – „No, Mam, he is not. He’s a wigwam in a teepee right now.“ – „What does that mean?“ – „He’s too tense!“ (two tents). Deutsch: „Geht es Isaac gut?“ – „Nein, der Junge ist wie ’ne Dekompressionskammer.“ – „Was heißt das?“ – „Er steht unter Druck!“ Ha ha ha… nein.

Automatisch Sprachen lernen

Seitdem Netflix 2014 an den Start gegangen ist, hat mein Englisch so ganz nebenbei noch mal einen riesigen Sprung gemacht. Seit Haus des Geldes kann ich auf Spanisch nicht nur Essen bestellen und nach dem Weg fragen, sondern auch fluchen wie ein Profi und Französisch verstehe ich mittlerweile auch zu einem gewissen Teil, ohne dass ich mich je gezielt damit beschäftigt hätte. Gut, mein Farsi und Mandarin hat sich nicht wirklich verbessert, aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch 😀


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