Da stehe ich nun und erlebe zum ersten Mal, was ich bisher nur aus Filmen und Erzählungen kenne. Vor mir liegt ein Mensch, der mir mal sehr sehr lange sehr sehr nahe stand. Die Maschinen piepsen und pumpen, die Linien schlagen gleichmäßig aus. Ein präzise getaktetes System, das unermüdlich arbeitet und einen Körper am Leben erhält, der dies selbst nicht mehr vollbringen kann. Ich kann die Gefühle, die in mir auftauchen, nicht sortieren. Es sind viele. Manche wirken schablonenhaft, andere sind so lange nicht gefühlt worden, dass sie mir nur noch vage vertraut erscheinen. Ich suche in meinem Herzen nach einer Art Glauben und finde keinen.
Aber auch wenn die Wissenschaft das hier nicht trägt, möchte ich es nicht unversucht lassen. Denn mein Unglaube ist nicht unerschütterlich. Ich versuche, das Ungesagte noch zu sagen. Das Unverziehene noch zu verzeihen. All die Missverständnisse, die Reue, die Scham, aber auch die Glücksmomente, die Vertrautheit und Dankbarkeit suche ich heraus und lege sie ihm vorsichtig hin. Ich möchte glauben, dass er sie annimmt, dass er es weiß und dass er schon längst verstanden hat. Und dass er weiß, dass auch ich schon längst verstanden habe. Auf dass es ihm Frieden gibt. Und mir auch.


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