Un Poeta

Worum geht’s?

Oscar ist Ex-Professor und Vollblut-Poet. Er kann und will nichts anderes machen als Gedichte zu schreiben. Dass er bis auf zwei schon arg in die Jahre gekommene Bände nichts veröffentlicht und ansonsten vor allem eine Menge schlechter Entscheidungen vorzuweisen hat, macht ihn zum absoluten Klischee des brotlosen Künstlers. Er ist ständig pleite, wohnt bei seiner Mutter, trinkt zu viel und Frau und Tochter haben sich längst von ihm abgewandt. Als er (nur unter massiven Drohungen seiner Familie) eine Schulklasse unterrichtet, entdeckt er die Gedichte und Zeichnungen der 15-jährigen, sozial benachteiligten Yurlady. Diese zeugen von großem Talent und Oscar möchte ihr zu Bekanntheit verhelfen, in dem er sie bei einem Poesie-Wettbewerb anmeldet.

Worum geht’s wirklich?

Kann man von seiner Berufung leben? Welche Kompromisse muss man im Leben machen? Wie geht man mit Scheitern um und darf man seine eigenen, geplatzten Träume auf andere projizieren? Oscars Weigerung, von der Poesie als einzigem Lebensinhalt abzulassen ist zwar bewundernswert integer, verursacht aber nicht nur ihm, sondern auch den Menschen um ihn herum einige Probleme. Den Grat zur Verantwortungslosigkeit hat er aus Sicht seiner Familie deutlich überschritten. Umso heikler stellt sich sein beharrliches Drängen dar, Yurlady solle doch ihre Gedichte öffentlich vortragen und eine große Poetin werden, um nicht wie ihre Schwester zu enden, die mit 18 schon zwei Kinder hat. Ob sie das überhaupt möchte und was sie selbst eigentlich unter einem erfüllten oder erfolgreichen Leben versteht, hat Oscar irgendwie vergessen zu berücksichtigen.

Mein Eindruck

Das Setting in Medellín, die beiden auf ihre eigene Art unvollkommenen Hauptfiguren, der subtile, teils unfreiwillige Humor und die raue 16mm-Optik lassen den Film so ehrlich-nostalgisch wirken, wie es wahrscheinlich in Oscars Kopf zugeht. Und auch wenn er einem wirklich wenig Anlass dazu gibt, schließt man Oscar im Laufe des Films ziemlich ins Herz – sei es auch nur aus einem Beschützerinstinkt heraus. Neben all dem Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen gibt es auch ein wenig Spannung, eine Prise Poesie und einiges zu lachen. Insgesamt schätze ich den Film als absolut sehenswert ein, wenn man denn einen gewissen Hang zu skurrilen Gestalten und kunstvoller Un-Perfektion hat. Regisseur Simón Mesa Soto wollte mit diesem Film vor allem die Gefahr des eigenen Scheiterns erkunden und ein Worst-Case-Szenario entwerfen. Dass ihm das auf so anrührende und unterhaltsame Weise gelungen ist, wird hoffentlich dazu führen, dass er es nicht erleben wird.

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