Im Kohlebergwerk eines nordvietnamesischen Dorfs, irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum, leben zwei junge Männer eine Liebe, die es über Tage nicht geben darf. Viet und Nam stehlen sich intime Augenblicke in der Dunkelheit. Das wenige Licht, das auf die Kohle fällt, lässt die Mine aussehen wie einen Sternenhimmel. Klingt kitschig, ist es aber nicht.
Der Film
Regisseur Trương Minh Quý nimmt sich viel Zeit. Lange, fast unbewegte Einstellungen, kaum Schnitte, wenig Dialog. Wirklichkeit und Traum, Vergangenheit und Gegenwart – das alles läuft hier ineinander, ohne dass der Film immer wieder erklärt, wo man sich eigentlich gerade befindet. Das Jahr ist 2001 und Vietnam ist noch immer von den Wunden des Krieges gezeichnet. Im Fernsehen läuft eine Sendung, die Namen von Soldaten zeigt, die seit den 1970ern vermisst sind und von ihren Familien noch immer gesucht werden. Auch Nams Vater ist einer von ihnen.
Zusammen mit Nams Mutter und einem alten Veteranen machen sich die beiden auf den Weg zur kambodschanischen Grenze, um die sterblichen Überreste des Vaters zu finden. Genau wie im Bergwerk nach Kohle, wird nun symbolisch und buchstäblich nach der Wahrheit gegraben. So wird die Geschichte der eigenen Familie und das Trauma eines Landes ergründet, das schon im Filmtitel in zwei Teile geteilt wird, weil es vielleicht noch immer nicht ganz zusammengewachsen ist (wie kompliziert und langwierig das ist, weiß man in Deutschland genau).




Die queere Liebesgeschichte läuft dabei einfach so mit. Kein Drama, kein großes Aufheben, keine Coming-out-Szene. Viet und Nam sind einfach füreinander da, zärtlich und selbstverständlich. Dass der Film in Vietnam trotzdem verboten wurde, sagt einiges.
Mein Fazit
Wer eine stringente, chronologische Handlung und mühelos nachvollziehbare Dialoge und Charaktere erwartet, wird vielleicht ungeduldig oder verliert völlig den Faden. Wer sich aber auf den Film einlässt und ihn eher mit Gefühl statt Intellekt schaut, bekommt ein großartiges, traumähnliches Mosaik aus Bildern und Stimmungen, die noch sehr lange im Kopf bleiben. Sehenswert, kreativ und mit wichtigen Botschaften.

Viet and Nam
| Regie | Trương Minh Quý |
| Besetzung | Thanh Hai Pham, Duy Bao Dịnh Dao, Thi Nga Nguyen, Viet Tụng Le |
| Produktionsland | Frankreich, Schweiz, Liechtenstein, Vietnam |
| Produktionsjahr | 2024 |
| Genre | Drama |
| Schauspiel | ⭐⭐⭐⭐ |
| Inszenierung | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Anspruch | ⭐⭐⭐ |
| Sogwirkung | ⭐⭐⭐⭐ |

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