Was ich nicht weiß…

… macht andere trotzdem unglücklich. Oder krank. Oder sogar tot.

Wir haben in unserem alltäglichen Leben ein großes Distanzproblem. Der Strom kommt aus der Steckdose, das Essen aus dem Supermarkt, die Klamotten von H&M und die CDs und Bücher aus dem Internet. Alles ist so schön günstig und wenn nicht hier, dann bestimmt woanders.

STOP!

Man muss sich nur mal vorstellen, die Distanz zur Herkunft unserer alltäglichen Dinge wäre plötzlich verschwunden.

Für ein Duplo oder eine Packung ChocoCrossies würden wir doch nie ein 9-jähriges  Nachbars-Kind einen Baum hochjagen und danach 10kg-Säcke schleppen lassen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.

Für einen leckeren Burger würden wir doch nie in unserem Hinterhof ein niedliches, kleines Kalb gewaltsam der Mutter entreißen, dann in der eigenen Scheiße stehend im Halbdunkeln mit viel zu wenig Platz mit Hightech-Futter maschinell vollstopfen, ihm verschiedene unnütze Körperteile abschneiden, um es dann irgendwann eingepfercht und verängstigt zum Schlachter zu bringen, wo es dann ebenso maschinell getötet und verarbeitet wird. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.

Für den Strom, der aus der Steckdose kommt, damit wir unsere tollen Geräte aufladen und benutzen können, würden wir nie wollen, dass unsere Kinder und die unserer besten Freunde Atembeschwerden und Leukämie bekommen oder unseren Verwandten die komplette Ernte verdirbt, wenn wir doch wissen, dass sie davon leben müssen und ihnen dann beim verhungern zuschauen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.

Für das coole neue T-Shirt, das ja nur 10 EUR kostet (selbst wenn es 100 EUR kostet, muss das noch nix heißen), würden wir doch nie verlangen, dass unsere Eltern 16 Stunden am Tag für einen Hungerlohn in vollen, heißen Fabriken sitzen, dort ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantieren und keinerlei Rechte haben.  Nein? Aber woanders lassen wir es zu.

Wir würden unsere Kinder nie das Wasser trinken lassen oder sie im Wasser baden, das wir im Bad den Abfluss runterrauschen lassen oder das die Chemiefabriken in die Flüsse leiten, damit alle tollen Produkte hergestellt werden können? Nein?  Aber woanders lassen wir es zu.

Klar haben wir immer die Entscheidung, was wir wann wo kaufen und es gibt auch Menschen, die leben komplett, ohne solche Dinge zu fördern, aber es ist auch so verdammt schwierig. Die Firmen lügen auf Verpackungen, in Anzeigen und Werbespots unverschämt das Blaue vom Himmel herunter. Jede Menge Entscheidungen treffen wir völlig unbewusst, weil uns jahrelang oder gar jahrzehntelang gewisse Dinge eingetrichtert wurden, so dass wir nicht mal auf die Idee kommen, sie mal in Frage zu stellen. Die Zusammenhänge der globalisierten Welt werden ja bewusst verschleiert. Und die Firmen schaufeln sich die Taschen voll. Klingt platt, ist aber so.

Wenn ich z.B. für eine Kanne Kaffee, 20 afrikanischen Familien das Trinkwasser wegnehmen müsste, 10 Bäume verbrennen, 20 Fische töten, 2 Arbeiter verprügeln und einem Kind verbieten müsste, in die Schule zu gehen, würde er mir gründlich im Hals stecken bleiben! Muss ich aber nicht.

Aber nachdenken kann ich. Wenigstens hier und da. Schonmal mit irgendwas anfangen. Ökostrom bestellen. Auch mal Bio ausprobieren. Nicht mehr zu McDonalds oder Burger King gehen. Mal wieder mit der Bahn fahren. Einfach mal testen und gucken, wie es sich anfühlt. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm. Und ohne dass es bei mir schlechter wird, wird es woanders vielleicht ein kleines bisschen besser. Und es verdient vor allem kein scheinheiliger Konzern mehr Geld mit meiner Unwissenheit und Untätigkeit.

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4 thoughts on “Was ich nicht weiß…”

  1. Meine Bilanz ist relativ dürfig:

    – Im Supermarkt schau ich mir beim Grünzeug die Herkunft an. Birnen aus Israel oder Weintrauben aus Südafrika sind mir zuviel Transport-CO2 für das bisserl Luxus, gibt es was aus Österreich zieh ich dies vor.

    – Kleine Wege versuch ich mit dem Radl statt dem Auto zu erledigen – ÖPNV ist nicht meins 🙂

    Das wars dann schon.

    Anderseits sind nicht alle üblichen Verdächtigen gleich Satans Heerscharen. Ein gelegentlicher Burger beim Schachtelwirt macht mir kein schlechtes Gewissen, solang es nicht nur Gewohnheit wird. Und um H&M „herum“ einkaufen zu können fehlt mir momentan die Geduld. Dafür trag ich die Klamotten auch, bis sie zerschlissen sind.

  2. unwissenheit ist ein segen kesro… die milch kommt von der alm, die wurst von froehlich landschlachter, dessen „vieh“ noch morgens auf der weide rumhuepft. der strom kommt vom gruenen energiemonster, das ueberall in der landschaft diese tollen windraeder aufstellt. tja. so ist das. das kann aber auch eine art schutz sein. ich bin ein mensch, der schon an allen ecken und enden versucht, moeglichst oekologisch zu leben. lese mir viele dinge durch um dann im supermarkt die fuer den moment richtige wahl zu treffen. doch bringt es mir keineswegs immer besserung. im englischen, wie auch im deutschen gibt es den gleichen begriff: weltschmerz. je mehr man weiss, desto schwerer wird es.

    aber wie du schon sagtest, es wuerde nicht schaden sich ab und an einige dinge bewusst zu machen, hier und da anzufangen etablierte gewohnheiten zu ueberpruefen. muss es jeden freitag fisch geben? muss es jeden sonntag braten geben? muss es schon wieder nen neues teil sein, obwohl der ganze schrank voller klamotten ist? und wenn schon nicht fuer die welt, dann wenigstens fuers eigene wohlbefinden und portemonnaies. ressourcen zu sparen ist ja auch immer gut fuer das frei verfuegbare einkommen.

  3. @truetigger: Für den Anfang doch schonmal nicht schlecht. Vielleicht schleicht sich ja mal das eine oder andere Stück Bio-Tier auf euren Teller 🙂

    @daniel: Ja, der Weltschmerz… Der ist schon manchmal böse. Nur wenn man weiß, wie das alles so ist, kann man auch oft nicht anders, als versuchen, es besser zu machen. Aus dem Paradies sind wir doch längst vertrieben 😉

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